|
Seite 1 von 2 von Hans-Joachim Selenz
Wer kennt sie noch, die Wundertüten? Geheimnisvolle Papiertüten mit
immer gleichem Inhalt. Nämlich nichts. Zumindest nichts Wertvolles.
Wenn man sie öffnete, fand man Plastikkrimskrams und Puffreis. Manchmal
auch einen Ring aus Trompetengold mit einem bunten Glasstein. Uns
Kinder störte das nicht. Denn schließlich hießen die Tüten ja
Wundertüten. Irgendwann würde auch mal ein echter Ring dabei sein. Ganz
sicher. Wir warteten geduldig auf das Wunder.
Mittlerweile gibt es die Wundertüten auch für Erwachsene. Sogar für
Banker. Und das kam so: Wer die USA ein wenig kennt, weiß, dass die
schon immer spekulative Immobilienszene in den letzten Jahren noch
einmal gewaltig angeheizt wurde. An allen Ecken und Enden entstanden
Wohnquartiere. Mit Tausenden und Abertausenden neuer Häuser. Doch auch
arrivierte Wohnviertel erlebten vielerorts erstaunliche Aufschwünge.
Fast wie im Märchen. Alte, durchaus vorzeigbare Häuser wichen
neureichen Privatpalästen. Vielerorts entstanden Kopien französischer
Schlösser und englischer Burgen. Zusammengenagelt aus Holz und
Pappmasche, wie bei fast allen US-Bauten. Geld war leicht zu bekommen.
Es wurde den Bauwilligen gleichsam hinterher geworfen. Ob sie die
Kredite bedienen konnten oder nicht, spielte keine Rolle. Denn eines
war klar: Die Neubauburg würde stets weit über den Baukosten wieder zu
veräußern sein. Man war auf Wachstum eingestellt. Wachstum ohne Ende.
Dem einen oder anderen Kreditgeber müssen trotzdem Bedenken gekommen
sein. Was würde passieren, wenn das Wachstum einmal endet? Ein Großteil
der Häusle- und Burgenbauer wäre dann wohl nie in der Lage, die
Schulden zurückzuzahlen. Da war es allemal besser, die Lasten zu
verteilen und die Problemkredite an deren Banken weiter zu reichen.
Natürlich nicht als Junk (Kredit-Müll), der sie eigentlich waren.
Jetzt war Marketing gefragt. Eine geeignete Verpackung musste her.
Eine Wundertüte gewissermaßen, in der man den Müll nicht als solchen
erkannte. Zumindest nicht sofort. Man nannte die Müllkredite daher
Sub-Prime und verteilte sie an zweit- und drittklassige Finanzjongleure
weltweit. Denn eines weiß jeder Bankier: Prime-Rib ist vom Rind und
sehr wohlschmeckend. In der Tüte mit den Sub-Prime-Krediten musste
demnach so etwas wie Rumpsteak sein. Etwas zäher als Prime-Rib, aber
durchaus genießbar. Dass sich in den Finanz-Wundertüten tatsächlich
Gammelfleisch befand, merkten die Banker erst, als es anfing zu
stinken. An den Neubauburgen nagte fortan nicht nur der Holzwurm,
sondern auch der Wertverfall. Die Kreditkrise begann.
Abnehmer für den Müll in Wundertüten hatte man auch in der deutschen
Provinz gefunden. Bei Bayern-, Sachsen- und WestLB. Da kannte man sich
mit den USA und ihren Besonderheiten zwar nicht aus. Doch deutsche
Landesbanken sind für Finanzabenteuer jeglicher Art stets bestens
gerüstet. Denn wenn eine Wundertüte platzt, gibt es ja immer noch den
Steuerzahler. Der zahlt! Inzwischen entwickelt sich die Immobilienszene
in den USA exakt so, wie von den heimischen Kreditgebern befürchtet.
Erstmals seit 1950 beginnen die Preise zu fallen.. Dabei handelt es
sich dem Vernehmen nach derzeit lediglich um kleinere Volumina. So
stehen z. B. in Stockton, der Stadt mit der höchsten Zahl an
Zwangsversteigerungen in den USA, lediglich 4 Prozent der Häuser zum
Verkauf. Kenner der US-Immobilienszene vermuten indes ein Gesamtvolumen
von bis zu 1000 Milliarden Dollar in den Wundertüten. Das ist - mit
anderen Zahlen ausgedrückt - eine Million mal eine Million Dollar. Kein
Wunder also, dass der Wert der Wundertüten sank.
|