Zeitenwende.ch        WIRTSCHAFT - geschüttelt statt gerührt
Herzlich Willkommen bei Zeitenwende ... Kommentare-Feed (RSS2.0)Unternehmen dürfen nicht zu blossen Handelsobjekten verkommen! (Artikel-Feed)
Unternehmen dürfen nicht zu blossen Handelsobjekten verkommen! PDF Drucken E-Mail
Montag, 2. Juli 2007
Beitragsinhalt
Unternehmen dürfen nicht zu blossen Handelsobjekten verkommen!
Seite 2
Seite 3
Seite 4
von Dr. Werner Wüthrich

Vor 2 Jahren verglich der heutige deutsche Vizekanzler, Franz Müntefering, Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften mit Heuschrecken. Er knüpfte an die Geschichte von Moses im Alten Testament an: Weil der Pharao die Juden nicht ziehen lassen wollte, liess der Herr zehn Plagen über Ägypten kommen. In der achten Plage führt der Ostwind die Heuschrecken herbei: «Und sie fressen alles, was im Land wuchs, und die Früchte auf den Bäumen, lassen nichts Grünes übrig auf dem Feld in ganz Ägyptenland» (2. Buch Moses, Kapitel 10).

Die heutigen Aktivitäten von Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften bestätigen die Problematik. Die Finanzfonds werden mehr und mehr zum Gegenstand der Poli­tik und der Medien. In der Schweiz tritt am 1. Juli eine erste, dringliche Verschärfung des Börsengesetzes in Kraft. Die Meldepflichten werden verschärft. Ein umfassendes, neues Gesetz über die Finanzmarktaufsicht (Finam) wird in den eidgenössischen Räten verhandelt und wird voraussichtlich im Jahr 2009 in Kraft treten.

Inzwischen haben namhafte Institutionen wie die Deutsche Bundesbank, die Europäische Zentralbank und auch die OECD Untersuchungen durchgeführt. Ihre Berichte liegen heute vor (vgl. «Neue Zürcher Zeitung» vom 22. Mai).

Untersuchungen der Deutschen Bundesbank und der Europäischen Zentralbank

Im folgenden sollen die zentralen Aussagen der Deutschen Bundesbank, der Europäischen Zentralbank und auch der OECD zusammengefasst werden. Folgende Fragen wurden untersucht: Welches Ausmass haben die Aktivitäten von Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften? Wie stark sind Banken in dem Geschäft engagiert? Welche Gefahren birgt diese Entwicklung für die Finanzmärkte und die Gesellschaft? Aus den Antworten kann folgendes entnommen werden:

Die Autoren sind bemüht, den Heuschreckenvergleich von Franz Müntefering zu relativieren.

1 In allen obenerwähnten Berichten wird behauptet, die Finanzfonds hätten auch positive wirtschaftliche Auswirkungen und würden zur Stabilisierung des Finanzsystems beitragen. Dies wird zum Beispiel wie folgt begründet: Bei den übernommenen Unternehmen würde es sich oft um Firmen handeln, die ineffizient arbeiten oder ihre Reserven schlecht nutzen. Einzelne Unternehmensteile würden nicht zueinander passen oder in Kombination mit anderen Unternehmen bessere Resultate erbringen. Unter einer neuen Führung oder in einer anderen unternehmerischen Konstellation würden die Unternehmen profitabler arbeiten. So würde auch gesamtwirtschaftlich ein Gewinn entstehen.

In Finanzzeitungen wurden diese Einschätzungen zum Teil dankbar aufgenommen. In Deutschland gibt es sogar Stimmen, die behaupten, der einsetzende Wirtschaftsaufschwung sei durch die «Heuschrecken» bewirkt worden, weil die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit mancher Unternehmen gestärkt worden sei (Finanz und Wirtschaft vom 2. Juni). Andere Berichterstatter weisen dagegen darauf hin, dass ein seriöser Umbau der aufgekauften Unternehmen angesichts der Hektik und der Casino-Stimmung gar nicht möglich sei. Sie beschreiben folgende Finanztechniken der Finanzfonds als besonders problematisch:

1. Der Finanzfonds verschuldet sich massiv, um die Rendite seiner investierten Gelder zu steigern. Auf eine Million eigenes Geld kommen oft bis zu vier Millionen fremde Mittel.

2. Kritisiert wird auch die Technik der «Schuldenübertragung» und der «Rekapitalisierung». Als neue Eigentümer stehen den Finanzfonds weitgehende Rechte zu. Dies soll an einem konkreten Beispiel dargestellt werden: Ein Finanzfonds kauft das Unternehmen XY für 1 Milliarde Franken. Er bezahlt den Kaufpreis mit 200 Millionen eigenem Geld und 800 Millionen Schulden. Nun übergibt er die 800 Millionen Schulden oder einen grossen Teil davon dem Unternehmen XY zur Rückzahlung.

3. Zusätzlich kann es zu einer «Rekapitalisierung» kommen. Das heisst, der Finanzfonds verlangt auch die 200 Millionen (die mit eigenem Geld bezahlt wurden) oder einen Teil davon vom Unternehmen XY zurück. Rekapitalisiert wird also nicht das Unternehmen, sondern der Finanzfonds, der seine Kasse wieder füllt. Das Unternehmen XY dagegen wird geschwächt, weil ihm Kapital entzogen wird. Zusammengefasst: Das aufgekaufte Unternehmen muss längerfristig zu einem grossen Teil für den Kaufpreis selber aufkommen, den der Finanzfonds bezahlt hat.

All dies erklärt, warum die meisten Unternehmen einer solchen Situation nichts Positives abgewinnen können und von einer «feindlichen Übernahme» sprechen. Das erklärt auch, weshalb gewisse Finanzfonds ein Unternehmen nach dem anderen übernehmen können, ohne selber in Schwierigkeiten zu geraten. Dies kommt zum Beispiel in einem Interview mit Ronny Pecik zum Ausdruck, dem Geschäftsführer von Victory. Diese österreichische Beteiligungsgesellschaft hat in den letzten Monaten eine ganze Reihe von Schweizer Traditionsunternehmen aufgekauft oder sich massgeblich daran beteiligt (Unaxis, Saurer, Sulzer und andere). Angesprochen auf die finanzielle Situation von Victory antwortete Ronny Pecik: «Wir sind geringfügig verschuldet. Unsere Situation ist sehr komfortabel. Wir wickeln unsere Finanzierungen gleich ab, wie das die grossen Equity-Gesellschaften wie Blackstone und Texas Pacific tun.» (Finanz und Wirtschaft vom 26. Mai)

All diese Vorgänge verdeutlichen, wie die 20, 30 und mehr Prozent Rendite zustande kommen, die die grossen Beteiligungsfonds zum Beispiel in den USA im Jahre 2006 erzielt haben.
Die Berichterstatter der Deutschen Bank und der Europäischen Zentralbank stellen fest, dass die Schulden, die den Unternehmen «aufgehalst» wurden, in den letzten Jahren wesentlich zugenommen und manche Unternehmen in Schwierigkeiten gebracht haben.

4. Die Zusammenarbeit innerhalb der Branche ist ein weiterer Punkt, der in den Berichten beschrieben wird. Folgende Mechanismen werden festgestellt: Eine Beteiligungsgesellschaft setzt ein Unternehmen unter Druck. Eine andere kauft das bedrängte Unternehmen auf und verkauft es wenig später an die nächste weiter, was oft mit neuen Schulden verbunden ist. Die «Aufgabenteilung» zwischen den Private-Equity-Gesellschaften kann im einzelnen wie folgt aussehen: Der erste Finanzin­vestor nimmt das aufgekaufte Unternehmen von der Börse, der zweite baut es um, der dritte fusioniert es mit einem anderen Unternehmen, und der vierte bringt es erneut an die Börse – und jeder erzielt einen Gewinn.



 
< zurück   weiter >

BUCH-TIPP

The Big Short: Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte 

"The Big Short" erzählt von der Erfindung einer monströsen Geldmaschine: Ein paar Hedgefonds-Manager sehen das katastrophale Platzen der amerikanischen Immobilienblase nicht nur voraus, sondern sie wetten im ganz grossen Stil darauf. Den Kollaps...

weiter …

SuDoKu

Wikipedia

Marsch's gesammelte Werke

Marsch's gesammelte Werke