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Seite 1 von 4 von Dr. Werner Wüthrich
Vor 2 Jahren verglich der heutige deutsche Vizekanzler, Franz Müntefering,
Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften mit Heuschrecken. Er knüpfte an die
Geschichte von Moses im Alten Testament an: Weil der Pharao die Juden nicht
ziehen lassen wollte, liess der Herr zehn Plagen über Ägypten kommen. In der
achten Plage führt der Ostwind die Heuschrecken herbei: «Und sie fressen alles,
was im Land wuchs, und die Früchte auf den Bäumen, lassen nichts Grünes übrig
auf dem Feld in ganz Ägyptenland» (2. Buch Moses, Kapitel 10).
Die heutigen Aktivitäten von Hedgefonds und
Private-Equity-Gesellschaften bestätigen die Problematik. Die Finanzfonds werden
mehr und mehr zum Gegenstand der Politik und der Medien. In der Schweiz tritt
am 1. Juli eine erste, dringliche Verschärfung des Börsengesetzes in Kraft. Die
Meldepflichten werden verschärft. Ein umfassendes, neues Gesetz über die
Finanzmarktaufsicht (Finam) wird in den eidgenössischen Räten verhandelt und
wird voraussichtlich im Jahr 2009 in Kraft treten.
Inzwischen haben namhafte Institutionen wie die Deutsche
Bundesbank, die Europäische Zentralbank und auch die OECD Untersuchungen
durchgeführt. Ihre Berichte liegen heute vor (vgl. «Neue Zürcher Zeitung» vom
22. Mai).
Untersuchungen der Deutschen Bundesbank und der Europäischen
Zentralbank
Im folgenden sollen die zentralen Aussagen der Deutschen
Bundesbank, der Europäischen Zentralbank und auch der OECD zusammengefasst
werden. Folgende Fragen wurden untersucht: Welches Ausmass haben die Aktivitäten
von Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften? Wie stark sind Banken in dem
Geschäft engagiert? Welche Gefahren birgt diese Entwicklung für die Finanzmärkte
und die Gesellschaft? Aus den Antworten kann folgendes entnommen werden:
Die Autoren sind bemüht, den Heuschreckenvergleich von Franz
Müntefering zu relativieren.
1 In allen obenerwähnten Berichten wird behauptet, die
Finanzfonds hätten auch positive wirtschaftliche Auswirkungen und würden zur
Stabilisierung des Finanzsystems beitragen. Dies wird zum Beispiel wie folgt
begründet: Bei den übernommenen Unternehmen würde es sich oft um Firmen handeln,
die ineffizient arbeiten oder ihre Reserven schlecht nutzen. Einzelne
Unternehmensteile würden nicht zueinander passen oder in Kombination mit anderen
Unternehmen bessere Resultate erbringen. Unter einer neuen Führung oder in einer
anderen unternehmerischen Konstellation würden die Unternehmen profitabler
arbeiten. So würde auch gesamtwirtschaftlich ein Gewinn entstehen.
In Finanzzeitungen wurden diese Einschätzungen zum Teil
dankbar aufgenommen. In Deutschland gibt es sogar Stimmen, die behaupten, der
einsetzende Wirtschaftsaufschwung sei durch die «Heuschrecken» bewirkt worden,
weil die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit mancher Unternehmen gestärkt worden
sei (Finanz und Wirtschaft vom 2. Juni). Andere Berichterstatter weisen dagegen
darauf hin, dass ein seriöser Umbau der aufgekauften Unternehmen angesichts der
Hektik und der Casino-Stimmung gar nicht möglich sei. Sie beschreiben folgende
Finanztechniken der Finanzfonds als besonders problematisch:
1. Der Finanzfonds verschuldet sich massiv, um die Rendite
seiner investierten Gelder zu steigern. Auf eine Million eigenes Geld kommen oft
bis zu vier Millionen fremde Mittel.
2. Kritisiert wird auch die Technik der «Schuldenübertragung»
und der «Rekapitalisierung». Als neue Eigentümer stehen den Finanzfonds
weitgehende Rechte zu. Dies soll an einem konkreten Beispiel dargestellt werden:
Ein Finanzfonds kauft das Unternehmen XY für 1 Milliarde Franken. Er bezahlt den
Kaufpreis mit 200 Millionen eigenem Geld und 800 Millionen Schulden. Nun
übergibt er die 800 Millionen Schulden oder einen grossen Teil davon dem
Unternehmen XY zur Rückzahlung.
3. Zusätzlich kann es zu einer «Rekapitalisierung» kommen. Das
heisst, der Finanzfonds verlangt auch die 200 Millionen (die mit eigenem Geld
bezahlt wurden) oder einen Teil davon vom Unternehmen XY zurück. Rekapitalisiert
wird also nicht das Unternehmen, sondern der Finanzfonds, der seine Kasse wieder
füllt. Das Unternehmen XY dagegen wird geschwächt, weil ihm Kapital entzogen
wird. Zusammengefasst: Das aufgekaufte Unternehmen muss längerfristig zu einem
grossen Teil für den Kaufpreis selber aufkommen, den der Finanzfonds bezahlt
hat.
All dies erklärt, warum die meisten Unternehmen einer solchen
Situation nichts Positives abgewinnen können und von einer «feindlichen
Übernahme» sprechen. Das erklärt auch, weshalb gewisse Finanzfonds ein
Unternehmen nach dem anderen übernehmen können, ohne selber in Schwierigkeiten
zu geraten. Dies kommt zum Beispiel in einem Interview mit Ronny Pecik zum
Ausdruck, dem Geschäftsführer von Victory. Diese österreichische
Beteiligungsgesellschaft hat in den letzten Monaten eine ganze Reihe von
Schweizer Traditionsunternehmen aufgekauft oder sich massgeblich daran beteiligt
(Unaxis, Saurer, Sulzer und andere). Angesprochen auf die finanzielle Situation
von Victory antwortete Ronny Pecik: «Wir sind geringfügig verschuldet. Unsere
Situation ist sehr komfortabel. Wir wickeln unsere Finanzierungen gleich ab, wie
das die grossen Equity-Gesellschaften wie Blackstone und Texas Pacific tun.»
(Finanz und Wirtschaft vom 26. Mai)
All diese Vorgänge verdeutlichen, wie die 20, 30 und mehr
Prozent Rendite zustande kommen, die die grossen Beteiligungsfonds zum Beispiel
in den USA im Jahre 2006 erzielt haben. Die Berichterstatter der Deutschen
Bank und der Europäischen Zentralbank stellen fest, dass die Schulden, die den
Unternehmen «aufgehalst» wurden, in den letzten Jahren wesentlich zugenommen und
manche Unternehmen in Schwierigkeiten gebracht haben.
4. Die Zusammenarbeit innerhalb der Branche ist ein weiterer
Punkt, der in den Berichten beschrieben wird. Folgende Mechanismen werden
festgestellt: Eine Beteiligungsgesellschaft setzt ein Unternehmen unter Druck.
Eine andere kauft das bedrängte Unternehmen auf und verkauft es wenig später an
die nächste weiter, was oft mit neuen Schulden verbunden ist. Die
«Aufgabenteilung» zwischen den Private-Equity-Gesellschaften kann im einzelnen
wie folgt aussehen: Der erste Finanzinvestor nimmt das aufgekaufte Unternehmen
von der Börse, der zweite baut es um, der dritte fusioniert es mit einem anderen
Unternehmen, und der vierte bringt es erneut an die Börse – und jeder erzielt
einen Gewinn.
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