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Dienstag, 24. Januar 2006
Beitragsinhalt
Konsum auf Pump als Plombe für das Loch im Selbstwertgefühl
Seite 2
von Dr. Bernd Sprenger

In den entwickelten Industrieländern ist seit Jahren ein Trend zu beobachten, der Anlass zur Sorge geben sollte: der Konsum auf Pump.

Unsere Grosseltern brachten uns noch bei, daß man sich möglichst nicht verschulden soll; "auf Pump leben" sei schliesslich irgendwie 'unanständig'. Die Schulden, die für den Bau eines Eigenheims oder den Kauf einer 'Eigentumswohnung aufgenommen werden müssen, fielen ausdrücklich nicht unter dieses Verdikt, ebensowenig natürlich Darlehen für betriebliche Investitionen ins eigene Geschäft.

Diese Grundhaltung scheint zunehmend 'unmodern' zu werden. "Lebe jetzt, zahle später!" tönt es uns allenthalben entgegen. Die Statistik über die Verschuldung der privaten Haushalte objektiviert diesen Wechsel der Grundhaltung: heute gibt ein Viertel der Schweizer Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren regelmässig mehr Geld aus, als sie es sich leisten können (Quelle: Daten 2003 des Forschungsinstituts REMP).

Konsumkredite auch für eine Ferienreise oder kurzlebige Verbrauchsgüter werden immer häufiger von immer grösseren Teilen der Bevölkerung in Anspruch genommen. Ich möchte diese Entwicklung einmal nicht primär unter volkswirtschaftlichen oder soziologischen Aspekten betrachten, sondern unter psychologischen Gesichtspunkten.

Dabei fällt auf, daß Konsumgüter immer öfter die Funktion der persönlichen Aufwertung bzw. der Stabilisierung des Selbstwertgefühls übernehmen. Das ist an sich nichts Neues -   schon immer standen bestimmte Marken, die man sich leisten kann, in engem Zusammenhang mit dem Prestige, welches das jeweilige Marketing versprach. Neu ist das Ausmass, in dem Konsum das Selbstwertgefühl stützen soll, und das schon auf dem Schulhof: wenn Du nicht die Sneakers einer bestimmten Marke trägst, bist Du nichts wert.

Wenn man sich die aktuelle gesamtgesellschaftliche Entwicklung betrachtet, muss man einerseits die Vielfalt der Lebensstile und die Freiheiten bestaunen, die wir heute haben. In den demokratischen Industrieländern haben die Freiheitsgrade in fast jeder Hinsicht seit dem Beginn der industriellen Revolution dramatisch zugenommen. Andererseits ist der psychologische Preis dieser Freiheit bisweilen recht hoch: die Verlässlichkeit verbindlicher Strukturen ist nicht mehr ohne weiteres gegeben. Traditionelle Familienstrukturen, die Halt gebend waren, weichen zugunsten vieler verschiedener Formen des Zusammenlebens. Für alle selbstverständliche und verbindliche Standards kultureller Werte  werden durch eine Vielzahl unterschiedlichster Weltanschauungen ersetzt; die hergebrachte christliche Religion wird eine religiöse  Gruppe neben anderen und so weiter. Dies führt zu einer nicht unerheblichen Belastung des einzelnen Menschen – er ist immer weniger in ein vorgegebenes kulturelles und gesellschaftliches Raster eingebettet, das ihm einen positiven Spiegel vorhält und es ihm ohne weiteres erlaubt, ein stabiles Gefühl für den eigenen Wert zu entwickeln.



 
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