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Kondratieff und der Crash PDF Drucken E-Mail
Montag, 6. Oktober 2008
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Kondratieff und der Crash
Seite 2
von Erik Händeler

Über die Ursache der Kreditkrise ist man sich weithin einig: Banken haben Geld an Leute verliehen, die sich das nicht leisten konnten.

Doch im Grunde haben die Banken nichts anderes gemacht als in vielen Jahren vorher auch - nur das Umfeld hatte sich verändert: Plötzlich war freies Kapital im Überfluss da, die Zinsen historisch niedrig. Händeringend suchten Anleger nach Möglichkeiten, ihr Geld loszuwerden. So bekam auch Kredit, wer kaum etwas besaß.


Das war deutlich anders als in der langen Zeit der frühen 80er- bis späten 90er-Jahre: Damals erschloss der Computer viele neue Anwendungen, reichlich Kapital war auch bei höheren Zinsen gewinnbringend zu verwerten. Nur: Inzwischen hat sich dieses technologische Netz sogar in den Schwellenländern weitgehend ausgebreitet. Ein noch schnelleres Notebook macht einen Wissensarbeiter heute nicht mehr produktiver.

Es lohnt sich deshalb, die aktuelle Krise nicht nur durch die herkömmliche volkswirtschaftliche Brille zu betrachten, sondern aus der Sicht eines Ökonomen, der vor fast genau 70 Jahren starb. Nikolai Kondratieff wurde am 17. September 1938 nach acht Jahren Einzelhaft östlich von Moskau exekutiert, weil er für marktwirtschaftliche Strukturen eintrat und die herrschenden Kommunisten mit der These ärgerte, dass die Wirtschaftskrise eben nicht der vorhergesagte Zusammenbruch des Kapitalismus sei, sondern nur ein tiefes Tal zwischen zwei langen Strukturzyklen.

Preise, Zinsen und Geldmenge seien nur die Folge, nicht aber die Ursache wirtschaftlicher Entwicklung, argumentierte Kondratieff bereits in den 20er-Jahren. Er forschte zu langen Konjunkturbewegungen, die Joseph Schumpeter später nach ihm benannte. Bemerkenswert ist Kondratieffs Begründung für kräftige Börsenabstürze.

Ob beim Börsenfieber 1873 vor dem Gründerkrach oder beim "unerklärlichen" Absturz 1929 an der Wall Street - der Mechanismus ist demnach immer gleich.

Zuerst gibt es einen langen Aufschwung, weil ein sogenanntes neues technologisches Netz die Produktivität steigert: Dampfmaschine, Elektrifizierung oder Computer erhöhen die Gewinne und machen Investitionen rentabler.

Neue technologische Netze verändern die ganze Gesellschaft, denn sie haben ihre eigenen Erfolgsmuster - Firmenstrukturen, Führungskultur, Bildungsinhalte. Jene Firmen oder Länder, die die neue Infrastruktur und geistig-sozialen Verhaltensweisen umsetzen, sind am erfolgreichsten.

Alle brauchen deshalb zu Beginn eines neuen Strukturzyklus viel Geld, um sich die Dampfmaschine, das (Liefer-)Auto oder den computergesteuerten Roboter zu kaufen. Hohe Zinsen stören nicht, schließlich verdienen die Unternehmer mit der produktiveren Anlage auch besser als vorher und können die gestiegenen Realzinsen bezahlen.

Zu kurzen Aktiencrashs kommt es, wenn die Basisinnovation in ihrem Aufstieg eine Wachstumspause einlegt oder wenn innerhalb des neuen technologischen Systems ein Generationswechsel eintritt, so wie 1987, als der Markt für Groß- und Universalrechner schrumpfte und die PC auf die Überholspur gingen. Binnen Jahresfrist ist dann aber alles wieder vergessen.



 
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