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Seite 1 von 2 von Beatrix Wullschleger
Der Professor für Finanzmarkttheorie an der Universität Basel
Heinz Zimmermann findet die Liquiditätsspritzen der Zentralbanken
beunruhigend. Eigentlich sollten Eigenmittel und Ratings das
gegenseitige Vertrauen der Geschäftsbanken sichern. Von kurzfristigen
Aktienengagements rät er ab.
Wie schätzen Sie die Auswirkungen der US-Hypothekenkrise auf die weltweiten Finanzmärkte ein?
Heinz Zimmermann: Am
meisten überrascht mich, dass die Liquiditätsspritzen der Zentralbanken
offenbar die Funktion hatten, das Vertrauen zwischen den
Geschäftsbanken wieder herzustellen. Die Zurückhaltung in der
gegenseitigen Kreditvergabe zeigt die Verunsicherung der Banken
bezüglich Kreditwürdigkeit. Normalerweise ist es jedoch die Funktion
der Eigenmittel und des Ratings, dieses Vertrauen zu sichern. Da im
Rahmen von Basel II in den letzten zehn Jahren die Eigenmittel
optimiert und die Ratingsysteme ausgebaut und verbessert wurden, ist
die Begründung für die aktuellen Liquiditätsspritzen eher beunruhigend.
Weshalb beunruhigend?
Zimmermann: Ich komme
zum Schluss, dass die Reformbemühungen von Basel II statt zu mehr
Eigenmitteln für das Finanzsystem wahrscheinlich zum Gegenteil geführt
haben. Die von den Finanzintermediären gehaltenen Eigenmittel sind
angesichts der Risiken des Finanzsystems wohl zu tief. Die
Liquiditätsspritzen der Zentralbanken können vor diesem Hintergrund
nur als kurzfristige, präventive Massnahme verstanden werden.
Problematisch ist dabei aus volkswirtschaftlicher Sicht, dass die
sporadischen Massnahmen kaum eine Einschätzung erlauben, in welchem
Umfang und mit welchem Zeithorizont das Zentralbankgeld in die
Wirtschaft kommt. Allerdings zeigen die Interventionen der
Zentralbanken, dass in einer sich abzeichnenden Finanzkrise die
Verfügbarkeit von Liquidität wichtiger ist als die Höhe des
Eigenkapitals.
Ist es demnach ein Fehler, dass die Zentralbanken Geld ins System pumpen?
Zimmermann: Kurzfristig
ist es wahrscheinlich das Richtige. Denn in einer Finanzkrise ist es
tatsächlich wichtig, dass die Zentralbanken Liquidität bereitstellen,
damit das Zahlungssystem weiter funktioniert. Aber man überschätzt das
Leistungsvermögen der Zentralbanken, wenn man erwartet, dass sie das
Vertrauen oder die Bonität der Geschäftsbanken sichern können. Und vor
allem müssten längerfristig unter dem Aspekt der Stabilität des
Finanzsektors primär die Eigenmittel einfach deutlich höher sein. Und
zwar nicht nur jene der Banken, sondern auch der Versicherungen, der
Pensionskassen und Hedge-Fonds. Wir haben im gesamten Finanzsektor ein
Problem der Eigenmittelausstattung.
Welche Folgen hat dieser Mangel an Eigenkapital?
Zimmermann: Die
fehlenden Eigenmittel bergen die Gefahr von Ansteckungseffekten. Nicht
wegen der Fremdfinanzierung an und für sich, sondern aus der Verbindung
von Fremdfinanzierung, Bonitätsrisiken und der Komplexität moderner
Finanzprodukte. Dazu kommt, dass viele dieser Risiken nicht liquide auf
dem Kapitalmarkt gehandelt werden können. Während bei der
US-Hypothekarkrise zumindest die zugrunde liegenden Risiken oder die
verbrieften Produkte noch verhältnismässig einfach zu verstehen sind,
ist die Situation etwa im Markt der Kreditderivate sehr viel
komplizierter. Ich habe den Eindruck, dass das Finanzsystem im Bereich
Kreditderivate wesentlich anfälliger ist als heute im Zusammenhang mit
den minderwertigen Hypotheken.
Eigentlich verspricht man sich von diesen Derivaten aber doch eine Verbesserung der Risikodiversifikation.
Zimmermann: Die
Aussage, dass Derivate die Risikoverteilung verbessern, ist im
Allgemeinen schon richtig. Aber dann reden wir von standardisierten
Derivaten auf Aktien, Indizes, Währungen, Zinsinstrumente oder andere,
relativ einfach verständliche Basiswerte. Im Bereich der Kreditderivate
sind die Produkte aber kompliziert und vielfältig und werden vor allem
ausserbörslich, also over the counter, gehandelt. Den Aspekt der
verbesserten Risikoallokation muss man deshalb aus zwei Gründen
relativieren: Weil erstens die Risikoallokation intransparent ist und
sich zweitens die Risiken - wie man vermuten muss - letztlich doch
wieder bei den Banken konzentrieren.
Hat der Markt für Kreditderivate unter der Hypothekenkrise zu leiden?
Zimmermann: Im Markt
für Kreditderivate wurde zum Glück noch kein bedeutender Teilnehmer in
Mitleidenschaft gezogen. Ob dies so bleibt, wissen wir nicht. Das
grösste Problem sind die Ansteckungseffekte, denn man weiss nie genau,
wen es letztlich trifft.
Keiner sieht in die Bücher der Finanzunternehmen. Was kommt noch auf uns zu?
Zimmermann: Abwarten.
In einem intransparenten System lernt man viel über die Funktionsweise,
indem man abwartet. Und so reagieren ja derzeit auch die Aktienmärkte.
Die Ertragserwartungen der Firmen sind intakt, aber die Bewertung der
Märkte ist sehr zurückhaltend. Die Aktienmärkte werden sich so lange
sehr zurückhaltend bewegen, bis klar ist, ob es wirklich nur ein
Problem des amerikanischen Hypothekarmarktes ist oder ob das Problem
umfassender ist.
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