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Seite 1 von 2 von Alexander Busch
Normalerweise würde man jemanden wie Àureo Luiz de Castro nicht ernst nehmen.
Das letzte Projekt des Immobilienmaklers aus Rio de Janeiro war eine
Ferienhausanlage, doch jetzt plant der bullige Unternehmer mit Glatze, der gerne
eine Golduhr zum hellen Tropenanzug trägt, das ganz grosse Ding: Für 8 Mrd. $
will er mit ausländischen Investoren in abgelegenen Regionen 24 Ethanolfabriken
bauen.
Vorverträge für die Felder, auf denen künftig Zuckerrohr wachsen soll, habe
er. Bald könne er zusammen mit Grosskonzernen wie Petrobras und der
nordamerikanischen Sempra Energy 4,8 Mrd. Liter Ethanol exportieren. Damit wäre
der umtriebige Makler auf einen Schlag der grösste Ethanolproduzent in Brasilien
– viermal grösser als Cosan, der führende Zucker und Alkoholexporteur der Welt.
Castro würde mehr Ethanol ins Ausland verkaufen als alle brasilianischen
Produzenten im vergangenen Jahr.
Internationales Interesse
«Eine ziemlich unwahrscheinliche Geschichte », heisst es unter
Branchenkennern in São Paulo. Umso erstaunlicher ist, dass Áureo Luiz Castro in
der Presse bereits als «Alkoholscheich» gefeiert wird. Dabei beträgt das
eingetragene Kapital seiner Gesellschaft lediglich 350 €, wie die angesehene
Zeitung «Folha de São Paulo» herausgefunden hat.
Doch in der brasilianischen Alkoholbranche ist nichts mehr normal. Seit die
USA und andere Industrieländer verkündet haben, dass sie Ethanol dem Benzin
beimischen wollen, um den Kohlendioxidausstoss und die Ölabhängigkeit zu
reduzieren, hat in Brasilien ein Bonanza ohnegleichen eingesetzt. Es beschränkt
sich nicht auf die Zucker- und Alkoholindustrie, die derzeit für 20 Mrd. $ rund
100 neue Destillen und Plantagen baut. Die dadurch ausgelöste
Wertschöpfungswelle hat die ganze Wirtschaft erfasst.
Das zur Verfügung stehende Kapital scheint unbegrenzt zu sein. Immer häufiger
verkünden ausländische Investoren, dass sie Hunderte Millionen Dollar als
Fondsmittel eingesammelt haben oder mit dem eigenen Vermögen in Brasilien nach
Investitionsmöglichkeiten Ausschau halten. Darunter sind George Soros,
Sun-Microsystems-Gründer Vinod Khosla und die Google-Goldjungen Sergey Brin und
Larry Page. Aber auch weniger bekannte Investoren streben im Verbund mit
brasilianischen Banken den Eintritt in den Alternativtreibstoffmarkt an.
Die Folge: Das Personal wird knapp. Nicht nur in den Anbaugebieten, wo es
inzwischen an Erntekräften, Traktorfahrern und Agraringenieuren mangelt, sondern
auch in der Finanzbranche. Vor allem Spezialisten mit Verbindungen zur
Zuckerbranche werden händeringend gesucht. Denn persönliche Kontakte sind
entscheidend: Fast alle Zuckerunternehmen sind im Besitz von Familiendynastien.
Nur Insider wissen, wer verkaufen oder mit wem fusionieren will. «In kaum einer
anderen Branche geht es so diskret zu wie im Zuckergeschäft», sagt Agrarexperte
Plínio Nastari.
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