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Seite 1 von 2 Mit Mathias Binswanger von der Suedostschweiz sprach Stefan Schmid
Ausgerechnet ein Ökonom postuliert in seinem neuen Buch, dass mehr Geld nicht glücklicher macht. Im Gegenteil: Mathias Binswanger erklärt, warum unsere Gesellschaft das Glück bisweilen geradezu verhindert.
Herr Binswanger, Sie schreiben, dass mehr Geld und Wohlstand nicht glücklicher machen. Ich behaupte, dass viele Schweizer sicher nicht traurig wären, wenn sie im nächsten Jahr ein paar Franken mehr in der Lohntüte hätten.
Mathias Binswanger: Man muss hier verschiedene Punkte unterscheiden: Zum einen ist es entscheidend, ob man von einem armen oder reichen Land spricht. Dass mehr Einkommen nicht glücklicher macht, gilt natürlich nur in reichen Ländern, in denen die grundlegenden Bedürfnisse gedeckt sind. Zum andern gilt es zu unterscheiden, ob das Glück von einzelnen Personen oder das Glück der ganzen Gesellschaft gemeint ist.
Wenn jeder Einzelne glücklicher wird, ist dann nicht auch die Gesellschaft als Ganzes glücklicher?
Binswanger: Es wird eben nicht jeder Einzelne glücklicher. Im Einzelfall wird man in der Schweiz zwar feststellen, dass die Reichen glücklicher sind als die Armen. Wird aber das Glück der ganzen Schweizer Bevölkerung im Laufe der Zeit betrachtet, so gilt: Obwohl die Schweizer insgesamt immer reicher geworden sind, sind die Menschen heute im Durchschnitt nicht glücklicher als früher.
Warum ist das so?
Binswanger: Das hat damit zu tun, dass der Mensch meistens relativ denkt und nicht absolut. Das heisst, er will mehr haben als der andere; was aber nicht für alle funktioniert. Schliesslich können nicht alle mehr haben als alle anderen – insgesamt ist dies ein Nullsummenspiel. Es ist wie bei einem Fussballspiel auf den Sitzplatz-Zuschauerrängen: Steht einer auf, weil er das Geschehen auf dem Platz nicht gut verfolgen kann, so wird er kurzfristig den besseren Blick haben als alle anderen.Aber nicht lange: Entweder wird er gezwungen, wieder abzusitzen, oder alle anderen stehen auch auf. Am Schluss ist der Vorteil des Aufstehens verschwunden, und ähnlich ist es auch beim Einkommen. Wenn alle auf einem höheren Niveau sind, sind wieder die unzufrieden, die relativ ärmer sind.
Unsere Wirtschaft lebt aber davon, dass der Einzelne seine wirtschaftliche Situation ständig verbessern will.
Binswanger: Die Wirtschaft fördert dies sogar – etwa durch die Werbung oder die Medien. Schliesslich sind in einem Land mit einem hohen Wohlstandsniveau die absoluten Bedürfnisse wie Nahrung und Wohnung usw. gedeckt. Unersättlich sind aber die relativen Bedürfnisse, also dass man den höheren Status erreicht als andere. Alle Produkte, die diesem Zweck dienen, können immer wieder von Neuem verkauft werden. Der Markt für Autos wäre zum Beispiel viel kleiner, wenn von den Konzernen nicht ständig neue Modelle als Statussymbole entwickelt würden – mit denen sich die Käufer dann von den anderen abheben können.
Was ist denn schlecht daran, ein moderneres Auto zu kaufen?
Binswanger: Das Schlechte daran ist, dass wir dadurch insgesamt nicht glücklicher, sondern gestresster werden. Viele Menschen hätten eigentlich lieber mehr Freizeit, um Dinge zu tun, die ihnen wirklich Freude machen – das geht aber wegen diesen von der Wirtschaft auch stets geförderten Tretmühlen nicht. Es ist schwierig, diesen zu entkommen.
Können Sie die Funktionsweise dieser Tretmühlen etwas genauer erklären?
Binswanger: Man kann vier Tretmühlen unterscheiden: Die erste ist die bereits angesprochene Status-Tretmühle: Der Mensch will sich mit dem Besitz von Gütern von seinen Mitmenschen abheben. Er hat das Gefühl, dass er mit dem Besitz von Statusgütern glücklicher wird. Doch dieses Glück währt meist nicht lange. Solche Statusgüter werden erstens dadurch entwertet, dass sich diese mit steigendem Wohlstand immer mehr Menschen leisten können, und zweitens durch stets wieder neu auf den Markt kommende neue Statusgüter. Man muss sich also ständig abrackern, um nur den Status quo halten zu können, und so steigt das Glück schlussendlich nicht an. Die zweite Tretmühle ist die Anspruchs-Tretmühle, die sich aus der Differenz zwischen den eigenen Ansprüchen und dem tatsächlichen Besitz ergibt.
Ein Beispiel, bitte.
Binswanger: Jemand kauft ein neues, schönes Haus, dann ist er zuerst sicher glücklich. Man gewöhnt sich aber relativ schnell daran, und nach kurzer Zeit empfindet man den Zustand als normal. Dann muss wieder etwas Nächstes kommen; etwas, das die eigenen Ansprüche wieder übersteigt. Untersucht wurde dieser Effekt zum Beispiel bei Lottogewinnern. Resultat: Ein Jahr nach dem Lottogewinn waren sie – wegen der gestiegenen Ansprüche – ungefähr gleich glücklich respektive unglücklich wie vor dem grossen Gewinn.
Welches ist die dritte Tretmühle?
Binswanger: die Multioptions-Tretmühle. Hier hat man das Gefühl, dass man durch die grössere Auswahl an Produkten und Dienstleistungen glücklicher wird. Ein typisches Beispiel hierfür ist das Fernsehen, bei dem man ursprünglich ja nur einen Sender hatte. Mit der Zeit wuchs aber die Auswahl an Programmen, und heute sind wir so weit, dass wir ob der Flut an Sendern kaum mehr eine vernünftige Auswahl treffen können. Würde man sich über alle Sendungen informieren, müsste man einen Grossteil der Freizeit dafür opfern. Also ignoriert man entweder einen Grossteil der Sendungen, oder man zappt wahllos herum. Auch hier zeigen Forschungen, dass die Leute zufriedener sind, wenn sie weniger Auswahlmöglichkeiten haben. Andernfalls wird die Wahl zur Qual.
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