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Seite 1 von 5 oder: Lemming-Rennen und Gehirnbruch-Risiko
Wir leben in unsicheren Zeiten. Zumindest, was die Börse betrifft. Dauernd wird man genötigt zu denken, was nicht wenige als untragbare Zumutung ansehen. Verständlich, denn zwischen 2003 und 2007 war diese Disziplin eher weniger gefordert. Kaufen, liegen lassen, im Januar 2008 Ausstieg verpassen und sich aufregen, dass man so was nicht vorher schriftlich mitgeteilt bekommt ... war alles, was gefordert war. Flexibilität und Hellhörigkeit hingegen eher nicht.
Auch, wenn ich nicht der Nabel der Welt bin (im Gegensatz zu anderen Autoren, vor deren „seherischen Gaben“ ich mich in Demut verneige, haha) und daher nicht den Anspruch auf den absoluten Überblick erheben will, so meine ich doch an manchen Zuschriften meiner kleinen Leserschar zu erkennen, dass sich die Neigung zum „Grübeln light“ bislang nicht nachhaltig reduziert hat.
Bitte kurz den Dax in sechs Monaten. Danke
Nicht wenige möchten von mir in einer kurzen Mail wissen, wo und wann die Aktienmärkte ihren Boden finden, ob und wann der Dollar wieder steigt, wohin, wie lange und warum. Vereinzelt werde ich nach dem Korrekturtief in Gold gefragt, ab und an erfreut mich die konkrete Frage nach dem genauen Endpunkt der Ölpreis-Rallye. Wie oft bin ich versucht 417,31 Dollar am 17. September 2011, 09:35 MESZ zu schreiben und ab die Post. Bei Frühnebel oder Regen ca. 10 Minuten später. Sehr liebenswürdig finde ich, dass die Anfragen meist versehen sind mit „wenn es nicht zuviel Mühe macht“ oder „eine ganz kurze Antwort reicht“.
Nun kommen solche Mails weder von den Lesern meines Börsendienstes SYSTEM22 und sehr selten von Lesern der „Zeitenwende“, sondern aus anderen Bereichen, wo ich ab und an einen Kommentar veröffentliche. Aber es zeigt mir, wieso Scharlatane, die Ihnen heute erzählen wollen wo die Börsen in sechs oder gar zwölf Monaten stehen, einen solch fatalen Zulauf haben. Es ist bequem zu wissen, wann und auf welchem Niveau man wieder in Aktien einsteigen muss. Der einzige, fast unmerkliche Haken an diesen Vorhersagen ist, dass sie nicht hinhauen. Aber bis es soweit ist, haben die meisten in der Flut der Weissagungen vergessen, wer doch gleich vor einem Jahr ein erneut goldenes Jahr für Aktien vorhersagte und unterstrich, im zweiten Halbjahr könnte es dann im Dax ein wenig nach unten gehen. Ich habe noch nicht erlebt, dass einer dieser Auguren geteert und gefedert aus der Stadt gejagt wurde wie einst die fliegenden Händler des Wilden Westens mit ihren Allzweck-Elixieren. Schade eigentlich. Denn wo ist der gefühlte Unterschied zwischen plötzlichem Haarausfall durch Mr. Johnsons Wunderelixier und plötzlichem Gewinnausfall in Ihrem Depot durch Weissagungen des Mr. X zum Dax?
Nachdenken – ungeliebt und doch recht hilfreich
Ich esse brav meinen Joghurt und halte mich durch Wortbeugen und Phrasenschwingen fit, aber ich werde wohl dennoch nicht mehr erleben, dass die Unart zu fragen, wo denn der Dax in sechs Monaten steht, einmal aufhört. Nicht zuletzt, weil die Anleger solche Vorhersagen ja auch fordern – obwohl das zur Folge hat, dass man sich diese Zukunftsvisionen zu eigen macht und eisern und unbeirrt daran festhält, obwohl sich die Börsen auf einmal völlig anders entwickeln ... vor allem, wenn es zum eigenen Depotbestand und den eigenen Hoffnungen passt. Aber es mag sein, dass die Gründe darin verborgen liegen, dass man an der Börse nur zwei Möglichkeiten hat, wenn man stur auf Sicht von Monaten oder gar Jahren investieren will:
Gar nichts denken, auf Hinz und Kunz hören und entweder Glück haben oder auf die Nase fallen, ist die eine. Sich die Nächte um die Ohren schlagen und grübeln bis zum Gehirnbruch (Gips durch die Nase einfüllen hilft), um der Zukunft ihre Geheimnisse zu entlocken ... und entweder Glück haben oder auf die Nase fallen, ist die andere.
Übrigens, bevor Sie vor meinen Ausführungen ermattet darnieder sinken, worauf ich hinauswill ist, was die Aktienmärkte in den kommenden Wochen so treiben könnten. Ich bin auf dem Weg. Aber eine geistige Schleife muss ich noch drehen:
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