| Ich oder Ich |
| Freitag, 10. Februar 2012 | |
|
Mathias Illigen, Sohn aus einem gut bürgerlichen Haus, wollte die Welt
retten und wurde zum Mörder seines Vaters. Die Tat geschah vor fünf
Jahren. Die Boulevardmedien nannten ihn eine Bestie. Zur Verurteilung
kam es nicht. Unzurechnungsfähigkeit wurde im attestiert. Er kam in
eine geschlossene psychiatrische Anstalt. Heute lebt er wieder in
Freiheit und legt seine Autobiographie vor. Illigen studierte Philosophie, Ethik und Kulturgeschichte, er war also alles andere als dumm, zumindest im herkömmlichen Sinn. Dennoch glaubte er, sein Vater sei der Drahtzieher einer Verschwörung. Seine Tötung die logische Konsequenz. Er wollte das Böse vernichten und erschuf es dadurch. Damals war er von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt. Heute kann er es selbst nicht mehr verstehen. Illigen ermöglicht den Lesern durch seine Autobiographie einen Blick in die Gedankenwelt eines Menschen, der mit Gewalt die Welt vor dem Abgrund retten möchte. Er glaubte an die Schuld seines Vaters und machte sich deswegen selbst schuldig, zumindest in den Augen der Oeffentlichkeit. Die Psychiater kamen zu einem anderen Resultat. Er leide unter eine Psychose, lautete ihr Urteil und wer psychisch krank ist, kann nicht schuldig sein, weil Schuld die Zurechnungsfähigkeit des Täters voraussetzt. Die gleiche Problematik kennen wir vom Attentäter von Oslo. Anders Breivik wurde auch Unzurechnungsfähigkeit beschieden. Das stört nicht nur die Norweger sondern auch den Attentäter selbst. Breivik ist bis heute von der Richtigkeit seiner Tat überzeugt. Keine Frage, wer so denkt, der muss krank sein. Doch wer krank ist, kann nicht schuldig sein. Je mehr man sich dem Thema Schuld nähert, desto mehr löst es sich auf. Was bleibt, ist eine psychische Krankheit des Täters, der selbst von der Schuld anderer überzeugt ist. Der Glaube an Schuld ist also die Krankheit. Eine Diagnose, die nicht halt macht bei verurteilten Verbrechern. Das Strafgesetz basiert auf der Ueberzeugung, dass man sich schuldig machen kann, obwohl man geistig gesund ist. Doch würde ein geistig Gesunder sich strafbar machen oder müssen wir uns vom Schuldbegriff verabschieden? Das heisst im Umkehrschluss natürlich nicht, dass man Verbrecher frei herum laufen lassen soll. Was geändert werden muss, ist nicht die Unterbringung der Täter, sondern der Blick auf die Täter. Kranken Menschen kann man vergeben, schuldigen nicht. Das ist wichtig für die Opfer und ihre Angehörigen, damit sie die Vergangenheit loslassen können. Ich oder Ich: Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat Schuld ist auch das grosse Thema im Zusammenhang mit der Finanzkrise. Es gibt kaum ein Bericht, der sich streng an die wissenschaftlichen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung hält. Fast alle greifen irgendwann in die Schublade von Gut und Böse, Schuld und Sünde. Eigentlich ein kranker Vorgang, streng genommen. Artikel kommentieren | Zu Favoriten hinzufügen (0) | Artikel zitieren | Aufgerufen: 2771Geschrieben von: Sven, am 10-02-2012 16:06 Geschrieben von: HRR, am 11-02-2012 18:03 Artikel kommentierenAkoComment © Copyright 2004 by Arthur Konze |