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Meyers kleiner Jahresrückblick PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 30. Dezember 2008
Beitragsinhalt
Meyers kleiner Jahresrückblick
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Vor einem Jahr, da saß ich zu Silvester auf meinem Sofa, kurz nach der Tagesschau. Mein Zimmer war schon wieder vom Rauch der hochgegangenen Nebelkerzen verräuchert. Husten plagte mich nach den diversen Ansprachen diverser Politiker, die ich mir selbstverständlich aus journalistischen Gründen reingezogen hatte. Ich öffnete die Fenster. Dort verklangen die letzten Böller - Sinnbild für das Jahr 2008...

Ich erinnere mich, auf dem Schreibtisch lagen die Prognosen der Fachleute für den Aktienmarkt. 8700 Punkte. Mindestens, wenn nicht sogar viel mehr. Die meisten Interviewgäste weigerten sich beharrlich, auch nur einen Tick vorsichtiger auf das Jahr 2008 zu blicken. Meine Schenkel waren schon grün und blau, denn ich schlug mir reflexartig vor Lachen permanent rechts, und dann wegen der Schmerzen links drauf. Oder habe ich geweint? Ich weiß es nicht mehr.

Und dann stieg der DAX auch noch, zumindest am ersten Handelstag, ward da aber nie wieder gesehen. Ich hatte mich aus dem Aktienmarkt längst verabschiedet, denn dem Immo-Braten aus den USA wollte ich nicht trauen, der so bittersüß herüberwehte. Alles nicht so schlimm, sagten die Fachleute, als man den Hausbesitzern das Dach über den vernebelten Hirnen wegzunehmen begann und ihnen den Hintern versohlte. Doch es sollte noch schlimmer kommen, natürlich völlig überraschend und unerwartet. Es folgte eine Zeit der täglichen Begräbnisse. Das Implode-O-Meter, das Barometer, für verstorbene Hausfinanzierer, begann zu explodieren. Die Betreiber der Seite fertigten gerade ein Implode-O-Meter für Banken an, während die Totenglocke für die Hedge Funds immer öfter schepperte. 108 Cashkühe hat es in die ewigen Delta-Gründe gefegt. Gingen sie an Dummheit ein? War es die Gier? Oder beides?

Beim Kommentieren von amerikanischen Wirtschaftsdaten erfasste mich jedes Mal ein Hauch von Heiterkeit. Da hüpften Zahlen aus den statistischen Abteilungen, die wie durch statistischen Mühlen gedreht aussahen. Innerlich ahnte man, dass da etwas nicht stimmte. Wer sich die Mühe machte dahinter zu schauen, blickte eher in die Hölle statt in den Himmel. Selbst die Börsianer in Frankfurt griffen sich beherzt an den Kopf und riefen "Betrug!". Doch die Experten geißelten die Anleger mit "positiv überrascht" oder "unerwartet positiv überrascht". Einem ehemaligen Kollegen gelang sogar ein "unerwartet und angenehm positiv überrascht" nach der Bekanntgabe von irgendwelchen Daten und er landete prompt auf Platz drei meiner nach oben offenen Phrasenskala.

Meine Lieblings-Phrasen 2008

Der sich verstetigender Aufschwung (Arbeitsamt Duisburg)

Der Aufschwung kommt bei den Menschen an (Angela Merkel in der Generaldebatte im Bundestag am 28.11.2008)

Angenehm positiv überrascht (ehemaliger Kollege)
Meine Liste der Unworte 2008

Glühbirne, Finanzkrise, Schutzschirm, Klimawandel, General Motors, Lehman Brothers, IKB, Konsum-Gutschein, Nacktscanner, "bildungsferne Schichten", Patientenmanager, Rettungsplan, Gesundheitsfonds, Menschenrest, Morbiditätszuschlag, Rentnerdemokratie.


 
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