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Vor einem Jahr, da saß ich zu Silvester auf meinem Sofa, kurz nach der
Tagesschau. Mein Zimmer war schon wieder vom Rauch der hochgegangenen
Nebelkerzen verräuchert. Husten plagte mich nach den diversen
Ansprachen diverser Politiker, die ich mir selbstverständlich aus
journalistischen Gründen reingezogen hatte. Ich öffnete die Fenster.
Dort verklangen die letzten Böller - Sinnbild für das Jahr 2008...
Ich erinnere mich, auf dem Schreibtisch lagen die Prognosen der
Fachleute für den Aktienmarkt. 8700 Punkte. Mindestens, wenn nicht
sogar viel mehr. Die meisten Interviewgäste weigerten sich beharrlich,
auch nur einen Tick vorsichtiger auf das Jahr 2008 zu blicken. Meine
Schenkel waren schon grün und blau, denn ich schlug mir reflexartig vor
Lachen permanent rechts, und dann wegen der Schmerzen links drauf. Oder
habe ich geweint? Ich weiß es nicht mehr.
Und dann stieg der DAX
auch noch, zumindest am ersten Handelstag, ward da aber nie wieder
gesehen. Ich hatte mich aus dem Aktienmarkt längst verabschiedet, denn
dem Immo-Braten aus den USA wollte ich nicht trauen, der so bittersüß
herüberwehte. Alles nicht so schlimm, sagten die Fachleute, als man den
Hausbesitzern das Dach über den vernebelten Hirnen wegzunehmen begann
und ihnen den Hintern versohlte. Doch es sollte noch schlimmer kommen,
natürlich völlig überraschend und unerwartet. Es folgte eine Zeit der
täglichen Begräbnisse. Das Implode-O-Meter, das Barometer, für
verstorbene Hausfinanzierer, begann zu explodieren. Die Betreiber der
Seite fertigten gerade ein Implode-O-Meter für Banken an, während die
Totenglocke für die Hedge Funds immer öfter schepperte. 108 Cashkühe
hat es in die ewigen Delta-Gründe gefegt. Gingen sie an Dummheit ein?
War es die Gier? Oder beides?
Beim Kommentieren von
amerikanischen Wirtschaftsdaten erfasste mich jedes Mal ein Hauch von
Heiterkeit. Da hüpften Zahlen aus den statistischen Abteilungen, die
wie durch statistischen Mühlen gedreht aussahen. Innerlich ahnte man,
dass da etwas nicht stimmte. Wer sich die Mühe machte dahinter zu
schauen, blickte eher in die Hölle statt in den Himmel. Selbst die
Börsianer in Frankfurt griffen sich beherzt an den Kopf und riefen
"Betrug!". Doch die Experten geißelten die Anleger mit "positiv
überrascht" oder "unerwartet positiv überrascht". Einem ehemaligen
Kollegen gelang sogar ein "unerwartet und angenehm positiv überrascht"
nach der Bekanntgabe von irgendwelchen Daten und er landete prompt auf
Platz drei meiner nach oben offenen Phrasenskala.
Meine Lieblings-Phrasen 2008
Der sich verstetigender Aufschwung (Arbeitsamt Duisburg)
Der Aufschwung kommt bei den Menschen an (Angela Merkel in der Generaldebatte im Bundestag am 28.11.2008)
Angenehm positiv überrascht (ehemaliger Kollege) Meine Liste der Unworte 2008
Glühbirne, Finanzkrise, Schutzschirm, Klimawandel, General Motors,
Lehman Brothers, IKB, Konsum-Gutschein, Nacktscanner, "bildungsferne
Schichten", Patientenmanager, Rettungsplan, Gesundheitsfonds,
Menschenrest, Morbiditätszuschlag, Rentnerdemokratie.
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