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Seite 2 von 2 Im Juli 1923 kostete der Dollar bereits
353.412 Mark nur einen Monat später 4.620.455 Mark. Doch der Absturz
der Mark wurde immer schneller. Einziger Ausweg schien eine möglichst
schnell durchgeführte Währungsreform. Im September 1923 beschloß die
Reichsregierung unter Stresemann schließlich die Stillegung der
Notenpresse und die rigorose Einschränkung der Ausgaben. Am
26.September 1923 wurde zudem der kostenintensive \"passive
Widerstand\" im Ruhrgebiet aufgeben. Zur Stabilisierung der Mark wurde
die Rentenmark eingeführt, die es dem Reich in einer Übergangszeit
ermöglichen sollte, die Ausgaben weiterhin über die Geldschöpfung zu
finanzieren, während gleichzeitig die Vergrößerung des nominalen
Papiermarkumlaufs beendet wurde. Doch trotz dieser Maßnahmen war das
Ende der Hyperinflation noch nicht erreicht.
Im Oktober 1923
mußte ein Facharbeiter für ein Pfund Margarine neun Stunden arbeiten.
Ein Liter Milch kostete 5,4 Millionen Mark, das Briefporto betrug 2
Millionen Mark. Die Inflation nahm mittlerweile skurrile Formen an.
Löhne und Gehälter wurden wöchentlich später sogar täglich ausgezahlt.
Arbeitnehmer kamen dabei mit Koffern oder Wäschekörben an die
Zahlstelle um die große Menge an Papiergeld mitnehmen zu können;
anschließend versuchte jeder so schnell wie möglich für das Papiergeld
Lebensmittel oder Sachgüter zu kaufen, da oft für die gleichen Produkte
schon wenige Stunden später wesentlich mehr gezahlt werden musste.
Teilweise gaben Unternehmen den Lohn bereits in Naturalien wie z.B.
Lebensmitteln aus. Auch innenpolitisch wurde die Lage immer brisanter.
In Bayern sammelten sich Nationalsozialisten und Monarchisten zum
Marsch auf Berlin, die Kommunisten planten eine Oktoberrevolution und
das Ruhrgebiet und Rheinland stöhnte immer noch unter der Besatzung
durch die Franzosen.
Kurz vor dem Höhepunkt der Hyperinflation
gingen einige Städte, Gemeinden und Unternehmen sogar dazu über,
eigenes Geld zu drucken, um so die Inflation zu stoppen bzw. ihre
Beschäftigten angemessen bezahlen zu können. Viele Sachwerte erreichten
mittlerweile astronomische Summen. So betrug beispielsweise die
Bilanzsumme des Bankhauses Oppenheim auf dem Höhepunkt der
Hyperinflation 8.603.015.544.190.640.965,70 Mark. Zu diesem Zeitpunkt
waren 10 Milliarden Banknoten mit einem Nennwert von 3877 Trillionen
Mark im Umlauf. Daneben gab es noch rund 500 Trillionen lokal gültiges
Notgeld. Im Oktober/November 1923 konnte sich so fast jeder Bürger als
Billionär bezeichnen.
Anfang November 1923 kostete ein
Vierpfund-Brot 420 Milliarden Mark. Nur wenige Tage zuvor lag der Preis
noch bei 130 Milliarden Mark. Um endlich etwas zu Essen zu haben, kam
es nun vermehrt zu Plünderungen von Bäckereien und
Lebensmittelgeschäften. Erst die offizielle Einführung der Rentenmark
am 15. November 1923 als Zwischenwährung durch die neu gegründete
Rentenbank konnte diesen Hexenkreislauf stoppen. Da der Staat nicht in
der Lage war das neue Geld durch eigene Goldreserven abzusichern, wurde
zur Deckung des neuen Geldes der industrielle und landwirtschaftliche
Grundbesitz herangezogen und mit einer Hypothek von 3,2 Milliarden
Rentenmark belastet. Dafür gab die Rentenbank 2,4 Milliarden
Rentenmarknoten aus, die zur Hälfte an die Regierung und zur Hälfte an
die Reichsbank und andere Banken flossen. Dadurch konnte schließlich
wieder Vertrauen in die neue Währung geschaffen und die Hyperinflation
endlich gestoppt werden. Nachdem sich der Kurs der Mark daraufhin
stabilisierte, wurde am 20. November 1923 ein offizieller Wechselkurs
von Papiermark zu Dollar auf eins zu 4,2 Billionen Mark festgelegt.
Mitte Dezember wurde schließlich auch das Tauschverhältnis zwischen
Rentenmark und Papiermark auf eine Billion zu eins festgesetzt. Das "Wunder der Rentenmark" war vollbracht. Eine Übersicht über den
dramatischen Preisanstieg gibt die nachfolgende Tabelle:
Dollarnotierung von 1914 bis 1923: | Juli 1914 | 4,2 Mark | | Januar 1919 | 8,9 Mark | | Juli 1919 | 14,0 Mark | | Januar 1920 | 64,8 Mark | | Juli 1920 | 39,5 Mark | | Januar 1921 | 64,9 Mark | | Juli 1921 | 76,7 Mark | | Januar 1922 | 191,8 Mark | | Juli 1922 | 493,2 Mark | | Januar 1923 | 17.972 Mark | | Juli 1923 | 353.412 Mark | | August 1923 | 4.620.455 Mark | | September 1923 | 98.860.000 Mark | | Oktober 1923 | 25.260.208.000 Mark | | November 1923 | 4.200.000.000.000 Mark | Mit der Stabilisierung der Wirtschaft besserte
sich auch die politische Lage. Auf zunehmenden Druck der USA und
Großbritanniens gab Frankreich Ende 1923 die Besatzung des Ruhrgebiets
und der linksrheinischen Gebiete auf. Ein neuer Reparationsplan, der
Dawes-Plan (1924) mit wesentlich realistischeren Forderungen, sorgte
zusätzlich für eine Rückkehr der positiven Stimmung. Mit dem Münzgesetz
vom 30. August 1924 wurde dann schließlich die Zwischenwährung
Rentenmark von der endgültigen Reichsmark abgelöst, deren Wechselkurs
nun wieder in Gold fixiert war.
Leidtragende der Inflation waren
vor allem die kleinen Leute und der Mittelstand, die nahezu keine
Sachwerte besaßen und durch die Inflation ihre gesamten Ersparnisse
verloren hatten. Dagegen gingen Schuldner und Eigentümer von Sachgütern
oder Immobilien sogar gestärkt aus der Krise hervor. Einige
Industrielle wie Hugo Stinnes schafften es sogar, sich durch die
Inflation nach oben zu arbeiten. Sie nahmen Kredite auf, investierten
das Geld in neue Anlagen und zahlten den Kredit wenige Tage später mit
fast wertlosem Geld zurück.
Andere Länder Europas wurden in der
Nachkriegszeit ebenfalls durch eine mehr oder weniger starke Inflation
in Mitleidenschaft gezogen. Während Österreich, Ungarn, Rußland und
Polen ähnliche Hyperinflationen wie Deutschland durchmachten, hielt
sich der Preisanstieg in Frankreich, Italien, Belgien oder den
skandinavischen Ländern noch in Grenzen. Bis 1926 war der Goldstandard
schließlich überall wieder vollständig hergestellt. Zu den Ländern mit
Goldstandard gehörten zu diesem Zeitpunkt unter anderem Großbritannien,
die Niederlande, Schweden, Dänemark, die Schweiz, Deutschland,
Österreich, Ungarn, Finnland, Jugoslawien, Bulgarien, Russland, die USA
sowie zwölf lateinamerikanische Länder. Damit war der Weg geebnet für
ein beispielloses Wirtschaftswachstum, das 1929 in der
Weltwirtschaftskrise endete.
13.05.2002 11:18 © boerse.de
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