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Internethausse und Megabaisse (1996-2002) - Teil 4 PDF Drucken E-Mail

Während die Welt unter den Folgen des 11. Septembers litt, konnte die Börse kräftige Zuwächse verzeichnen. Doch der Aufschwung hielt nicht lange. Bereits Ab Ende Oktober sorgten die beunruhigenden Nachrichten über den Energiekonzern Enron zu einer erneuten Rückkehr der Unsicherheit an den Börsen.

Der 1985 durch die Fusion von Natural GAS und Internorth entstandene amerikanische Energiekonzern zählte zu den größten Erdgas-Händlern der Welt. Im August 2000 hatten die Aktien mit 90,52 Dollar ihren Höchststand erreicht und mussten danach deutliche Kursrückgänge hinnehmen, die viele Anleger zunächst aber noch mit der herrschenden Baisse begründeten. Am 11. Oktober 2001 war die Aktie noch 36,79 Dollar wert. Doch während nach außen weiter "heile Welt" verkündet wurde, brodelte es im Herbst 2001 hinter den Kulissen bereits gewaltig. Unbemerkt von der Öffentlichkeit hatte der Chef-Rechnungsprüfer im Oktober 2001 unzählige brisante Daten vernichten lassen, um so Fehlbuchungen zu vertuschen. Doch wenig später bekam die US-Börsenaufsicht Wind von der Aktion und begann am 22. Oktober 2001 Ermittlungen gegen Enron aufzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt war der Kurs gegenüber dem 11. Oktober bereits um über 40 Prozent auf 20,65 Dollar eingebrochen. Während nun auch Finanzdirektor Andrew S. Fastow eilends mit der Aktenvernichtung startete, verunsicherten die weiter häppchenweise an die Öffentlichkeit gelangenden Gerüchte die Anleger. Doch niemand konnte das ganze Ausmaß vorhersehen. Am 8. November 2001 gab Enron schließlich offiziell zu, seit 1997 die Gewinne um rund 600 Millionen Dollar künstlich aufgeblasen zu haben. Der Kurs hatte sich mit 8,41 Dollar noch einmal mehr als halbiert.

Da die schlechten Nachrichten damit zunächst auf dem Tisch waren, konnte sich der Kurs sogar wieder leicht erholen. Grund dafür war auch ein Übernahme-Angebot des deutlich kleineren Wettbewerbers Dynergy Inc., der die marode Gesellschaft für 9,3 Milliarden US-Dollar in Aktien kaufen wollte. Das fusionierte Unternehmen sollte als Dynergy mit Firmensitz in Houston firmieren. Die Schlüsselpositionen im Management sollten ausschließlich von Dynergy besetzt werden. Obwohl Enron das Übernahmeangebot annahm und damit ein leichte Kurserholung auf 10,00 Dollar bis zum 14. November auslöste, kam die Fusion nicht zustande. Schon bald nach der Ankündigung wurde klar, dass Enron nur durch diese Fusion überleben konnte. Dies belastete den Kurs der Enron-Aktie erneut und bis zum 27. November halbierte sich die Aktie auf einen Schlusskurs von 4,11 Dollar. Am nächsten Tag schockte dann der Übernahmepartner die Anleger, da Dynergy die geplante Fusion mit der Begründung absagte, Enron habe Vertragsbruch begangen, indem hohe Schulden nicht bilanziert wurden. Die Enron-Anleger gerieten in Panik und warfen ihre Papiere auf den Markt. Der Kurs der Aktie brach innerhalb weniger Stunden um über 85 Prozent ein und ging mit 0,61 US-Dollar aus dem Handel. Nach einem Kursverlust von mehr als 90 Prozent seit dem Höchstkurs war Enron damit zum Pennystock degradiert worden. Daran änderte auch der Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Konkursrechts am 2. Dezember 2001 nichts mehr. Am 23. Januar 2002 wurde die Enron-Aktie schließlich vom Handel ausgeschlossen.

Doch auch wenn die "Enronitis" die Gemüter der Anleger erhitzte, so verharrten die beiden deutschen Indizes in einem Seitwärstrend im Bereich von 4900-5200 (DAX) bzw. 1000-1250 (Nemax All Share). Zum Jahreswechsel 2001/2002 notierte der DAX bei 5160, der Nemax All Share bei 1095 und der Dow bei 10021. Seit den Tiefstständen vom 21. September entsprach dies immerhin einem Zuwachs um 36 Prozent im DAX, um 51 Prozent im Neuen Markt und um 22 Prozent im Dow Jones. Zwar hatten die deutschen Indizes damit erneut eine negative Jahresperformance aufgewiesen und nur vier DAX-Titel schlossen das Jahr mit einem Kursgewinn ab (Adidas, SAP, BMW, Daimler), dennoch blickte die breite Anlegerschar und die Analysten aufgrund der hinter ihnen liegenden Jahresendrallye relativ positiv in das Jahr 2002.

Die meisten Analysten schätzten Ende 2001 den DAX binnen Jahresfrist unverändert oder mit leichten Gewinnen. Die Schätzungen reichten dabei von 7000 (Berenberg Bank) im optimistischten und 4100 (J.P.Morgan) im pessimistischten Fall. Während die große Zahl an Optimisten auf ein baldiges Anspringen der US-Konjunktur setzten, nannten die wenigen Pessimisten die hohe Verschuldung der Haushalte und Unternehmen als Grund für einen Rückschlag. In der Tat konnte die Börse im Januar nicht an die Jahresend-Rallye anknüpfen und verfiel erneut in Lethargie mit regelmäßig neuen negativen Nachrichten und immer wieder fallenden Notierungen.

Gründe für die Rückkehr der Baisse gab es viele. So belastete die Gefahr weiterer Bilanzfälschungen wie im Fall Enron die Gemüter der Anleger, die US-Konjunktur kam nicht wie erhofft wieder in Schwung und auch die breite Masse der Unternehmensmeldungen blieb zurückhaltend bis negativ. Schließlich wuchs nach dem Ende des Afghanistan-Konflikts auch noch die Sorge über einen möglichen Irak-Krieg. Ende Januar hatte US-Präsident Bush in einer Rede zur Nation Iran, Irak und Nordkorea als "Achse des Bösen" bezeichnet und diesen Ländern die Produktion von Massenvernichtungsmitteln vorgeworfen.

Im Februar 2002 hatte dann auch die Börse in Deutschland ihren ersten "Enron-Fall", als die ComROAD-Blase endgültig platzte. Schon mehrmals zuvor war das Unternehmen aufgrund seiner Bilanzierung in Verruf geraten, doch das wirkliche Ausmaß lies selbst die kühnsten Pessimisten erblassen. Bereit Ende Januar hatte es erneut Gerüchte über eine unsaubere Bilanzierung gegeben, was den Kurs der Aktie zunächst von 9,30 Euro (29. Januar) auf 7,20 Euro (31. Januar) drückte. Mitte Februar gab es dann erste Anzeichen, dass ein Großteil des Umsatzes des Unternehmens durch illegale Tricks aufgeblasen worden sein könnte. Die Aktie ging daraufhin in den freien Fall über und rauschte innerhalb weniger Tage um über 70 Prozent in den Keller auf 1,95 (22. Februar). Kurz zuvor hatte bereits der Wirtschaftsprüfer KPMG sein Mandat als Abschlussprüfer niedergelegt, da eine Überprüfung einer von ComROAD angeführten Herstellerfirma in Hongkong seitens KPMG vor Ort ergeben hatte, dass die genannte Firma weder unter der angegebenen Adresse bekannt war, noch der Telefonanschluss existierte. Auch ein Registernachweis konnte nicht geführt werden. Die Vorwürfen gegenüber ComROAD "Scheingeschäfte" zu tätigen, verdichteten sich immer weiter. Als immer mehr Details über das Ausmaß des Skandals bekannt wurden, warf der Aufsichtsrat der ComRoad AG am Abend des 07. März 2002 den Vorstandsvorsitzenden Bodo Schnabel fristlos aus dem Unternehmen. Anfang April gab ComROAD dann bekannt, dass 99 (!) Prozent der für 2001 ausgewiesenen Umsätze fingiert waren. Von den 93,5 Millionen Umsatz konnten anläßlich einer Sonderprüfung lediglich 1,3 Millionen nachgewiesen werden. Zu dieser Zeit saß Schnabel längst in Untersuchungshaft und der Kurs der Aktie, die am 19. April schließlich von der Deutschen Börse aus dem Neuen Markt ausgeschlossen worden war, gehörte zur Riege der Penny-Stocks.

Buchempfehlung von Zeitenwende.ch

Der 800-Millionen-Jackpot

Seit dem 6. Juni 2003 sitzt der deutsche Millionenerbe und Jungunternehmer Alexander Sascha Falk in Hamburg in Untersuchungshaft. Ihm wird Kursmanipulation, Steuerhinterziehung und Beihilfe zur unrichtigen Darstellung der Verhältnisse einer Kapitalgesellschaft vorgeworfen.

Falk soll die Umsätze seiner Firma Ision manipuliert haben, um deren Verkaufspreis in die Höhe zu treiben. Die Ision gehörte bis zu ihrem lukrativen Verkauf zum Konglomerat der schweizerischen Distefora Holding AG, deren Geschäftsführer und Verwaltungsrat ebenfalls Alexander Falk war. Damals wurde aus dem einst leeren Börsenmantel ein Börsen-Highflyer der New Economy. Die Aktie wurde zeitweise über 1000 Franken, resp. Euro 700, notiert, endete aber im Frühjahr 2002 bei wenigen Rappen/Cent

Die Aufdeckung eines der größten Wirtschaftsskandale im deutschsprachigen Raum ist der Schutzgemeinschaft der Investoren Schweiz und ihrem Geschäftsführer Johann- Christoph Rudin zu verdanken. Wie es dazu kam, schildert dieses Buch, das auf den tatsächlichen Ereignissen basiert und die Zusammenhänge auf spannende Weise rekonstruiert.


Im Frühjahr 2002 schwappte die Welle der Skandale immer mehr auf die bisher als relativ sicher geltenden Segmente DAX, MDAX und SMAX über. Bereits im Januar 2002 geriet der DAX-Wert MLP in den Strudel der Skandale, als in Gerüchten auch hier von Unstimmigkeiten in der Bilanzierung die Rede war, die das Unternehmen allerdings in einer Meldung vom 1. Februar 2002 heftig dementierte. Anfang März musste der Bau-Konzern Philipp Holzmann eine massive Gewinnwarnung für das Geschäftsjahr 2001 aussprechen. Kurz darauf kursierten Gerüchte über einen möglichen Finanzengpaß beim Unternehmen, der sich schließlich auch bestätigte. Rettungsversuche scheiterten, so dass Holzmann am 21. März 2002 einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens wegen Zahlungsunfähigkeit stellen musste. Erstmals war damit ein traditionsreiches Unternehmen von der Insolvenz betroffen, doch es sollte nicht das letzte bleiben.

Seit Mitte des Monats war die Mediengruppe Kirch in das Blickfeld der Finanzpresse geraten. Am 11. März hatte der Axel-Springer Verlag gedroht, einen Insolvenzantrag für die Kirch-Gruppe zu stellen, falls Kirch bis Ende April nicht 767 Millionen Euro für Springers Anteil an der ProSiebenSat.1 Media AG überweisen würde. Eine Überprüfung der Finanzlage des Mediengiganten brachten hohe Schulden ans Tageslicht, die am 8. April schließlich dazu führten, dass die Kirch-Media einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht in München einreichte und damit die größte Firmenpleite der deutschen Nachkriegsgeschichte verursachte. Dass der ebenfalls tradtitionsreiche Schreibwarenhersteller Herlitz wenige Tage zuvor, nachdem die Banken die Kreditlinien gekündigt hatten, ebenfalls Insolvenz beantragen musste, ging in den Medien dagegen fast unter. Nicht aber die drohenden Pleite einer anderen "Luftnummer", des Luftschiffbauers CargoLifter. Bis dahin hatten die ehrgeizigen Ziele der Gesellschaft, irgendwann einmal schwere Lasten per Luftschiff von einem Ort zum anderen zu befördern, bereits Milliarden von Euros verschlungen. Doch der Versuch erneut Kapital von Aktionären und Banken zu bekommen scheiterte. CargoLifter flog damit Ende Mai geradewegs in die Insolvenz.

Auch MLP stand zu diesem Zeitpunkt wieder in den Schlagzeilen. Das DAX-Unternehmen lieferte sich mit dem Anlegermagazin "Börse Online" eine Nerven zerreibende Schlacht, ob die ausgewiesenen Bilanzzahlen nun gefälscht sein sollten oder nicht. Bis heute ist von keiner Seite der endgültige Beweis erbracht worden. Nur das Ansehen des DAX-Wertes hat massiv Schaden erlitten. Der Aktienkurs sackte allein zwischen April und August 2002 um fast 90 Prozent von 74 Euro auf nur noch 8 Euro.

Im Juni 2002 belastete dann erneut ein amerikanischer Bilanzskandal die Aktienmärkte. Nach dem Zusammenbruch des Energiekonzerns Enron hatte nun auch die amerikanische Telefongesellschaft WorldCom Falschbuchungen in Höhe von zunächst 3,85 Milliarden Dollar später sogar 6 Milliarden Dollar in den Büchern eingeräumt. Nachdem weitere Unternehmen (u.a. Xerox) folgten, sah sich die amerikanische Börsenbehörde SEC genötigt, schärfere Regeln für die größten US-notierten Gesellschaften einzuführen. Somit muss jeder Vorstandsvorsitzender und jeder Finanz-Vorstand eines in Amerika gehandelten Unternehmens persönlich die Richtigkeit der vorgelegten Zahlen mit seiner Unterschrift beeiden. Bei nachgewiesenen Bilanzfälschungen haften die Vorstände dann – schuldig oder nicht - aufgrund ihrer Unterschrift.

Nachdem im Juli 2002 mit Babcock Brosig und Fairchild Dornier zwei weitere Traditionsunternehmen Insolvenzantrag stellen mussten und die Welle der Gewinnwarnungen sowie die Sorge um die US-Konjunktur nicht abgenommen hatten, wurden die Börsen weiter massiv belastet. Der DAX sackte mit einem Intraday-Kurs von 3265 am 24. Juli sogar deutlich unter die im September 2001 notierten Tiefstände. Der Nemax All Share war mit einem Kurs von 525 dagegen bereits in die Bedeutungslosigkeit versunken.

Doch nicht nur die Börse drohte zu versinken – im August wurden aufgrund einer verheerenden Jahrhundertflut weite Landstriche überflutet. Am 12. August brachten sintflutartige Regenfälle u.a. in Bayern, Sachsen und Österreich die Flüsse zum Überlaufen. Eine der am meisten betroffenen Städte war dabei Dresden - sogar der Hauptbahnhof stand hier unter Wasser. Die Flut riß entlang der Flüsse Häuser und Brücken mit sich und verursachte Schäden im zweistelligen Milliardenbereich. Nach Schätzungen von Experten wird es wohl mehrere Jahre dauern, bis alle Schäden beseitigt sind. Während vor allem Versicherungskonzerne unter der drohenden Kostenwelle unter Druck gerieten, konnten Aktien von Bauunternehmen kräftige Kursgewinne verbuchen.

Der September 2002 war geprägt von der Angst neuer Terroranschläge zum Jahrestag des 11. September, Diskussionen über einen Angriff der USA auf den Irak sowie der Bundestagswahl. Auch die Konjunktur in den USA machte vielen Anlegern weiter Sorgen. Zuviel Unsicherheiten für die eh schon angeschlagene Börse, die im September 2002 trotz der bereits seit über 30 Monaten andauernden Baisse im DAX den größten Monatsverlust ihrer Geschichte hinnehmen musste. Selbst im Horrormonat Oktober 1987 verlor der deutsche Leitindex nicht so viel wie im September 2002.

Image10.11.2002 08:21
© boerse.de


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