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Die Weltwirtschaftskrise 1857 (Teil 2 Europa) PDF Drucken E-Mail
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Die Weltwirtschaftskrise 1857 (Teil 2 Europa)
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Auch in Europa erlebte die Wirtschaft ab 1850/1851 einen Aufschwung, nachdem eine unmittelbare Kriegsgefahr zwischen Preußen und Österreich sowie die drohende Fortsetzung des ersten deutsch-dänischen Krieges die Börsen zunächst nochmal belastet hatten. Doch anders als in Amerika waren die europäischen Märkte schon bald einer neuen Bedrohung ausgesetzt. Im Oktober 1853 maschierten russische Truppen in die osmanischen Donaufürstentümer ein. Kurz darauf erklärte die Türkei als Reaktion Rußland den Krieg. Am 28. März 1854 traten schließlich auch Frankreich und Großbritannien auf der Seite der Türkei in den Krimkrieg ein.

Die aufkeimende Euphorie an den europäischen Börsen hatte sich darauf innerhalb weniger Tage in Nichts aufgelöst. Die Aktieninidizes gingen im Durchschnitt in diesem Jahr um 4,7 Prozent zurück. Der bis dahin herrschende Gründerboom, der vor allem Banken und Eisenbahnen betraf, kam fast vollständig zum Erliegen. Doch die politische Entwicklung verursachte nur kurzfristige Kursrückgänge. Ab 1855, als die westlichen Mächte immer mehr an Boden gewannen, sorgte der Krieg sogar für steigende Kurse.

Die Spekulationsgier der Bevölkerung nahm wieder deutlich zu. Allerdings waren die vorwiegenden Spekulationsobjekte von Land zu Land teilweise sogar von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In Frankreich standen Eisenbahnaktien im Mittelpunkt, in Großbritannien Eisenbahnaktien und Weizen, in weiten Teilen Deutschlands waren Bankenaktien Ziel des Interesses, in Hamburg dagegen vor allem Zucker und Kaffee. In Skandinavien schließlich konzentrierten sich Investoren vor allem auf Schiffbau, Farbiken und Bergbau. Doch so unterschiedlich die Objekte waren, so eng waren die Märkte miteinander verknüft. Als Beispiel soll nun etwas näher auf die deutsche Bankenspekulation und die Krise in Hamburg eingegangen werden. Grundsätzlich zeigen die anderen Regionen aber analoge Entwicklungen.

Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es in Deutschland immer wieder zu Geldknappheit, ein Zeichen dafür, dass die vorhandenen Geldmittel nur wenig mobil waren und für private Kredite nur sehr schwer die nötige Investitionssumme zu bekommen war. Dies änderte sich ab Mitte des Jahrhunderts drastisch. Ab diesem Zeitpunkt entstanden neben den traditionellen Privatbankiers, die vor allem durch Diskontierung von Handelswechseln ihr Geld verdienten, eine große Anzahl neuer Kreditinstitute. Neben den Kreditgenossenschaften, die insbesondere bäuerlichen und gewerblichen Kleinbetrieben Darlehen gewährten, schossen überall Aktienbanken aus dem Boden. Lediglich die preußische Regierung untersagte weiter die Gründung von Aktienbanken, weshalb die meisten Institute in den Klein- und Mittelstaaten um Preußen herum entstanden. Diese Banken hatten dabei in der Regel das Recht eigenes Geld in Umlauf zu bringen.

Eines der bedeutensten Finanzinstitute jener Zeit war die am 2. April 1853 gegründete "Bank für Handel und Industrie in Darmstadt" mit einem Grundkapital von 250 Millionen Gulden (Abk. fl.) eingeteilt in 100.000 Aktien mit einem Nennwert von je 250 fl. Bei der Emission waren zunächst 40.000 Aktien auf den Markt gebracht worden, wobei der Börsengang deutlich überzeichnet war. Kurz vor dem Börsengang wurden die Aktien außerbörslich mit 28 Prozent Aufschlag gehandelt. Die erfolgreiche Erstnotiz rief sofort Nachahmer auf den Plan. Am 11. April wurde die Frankfurter Bank gegründet, einen Monat später ein Konkurrenzinstitut in Braunschweig und am 17. September folgte die Etablierung einer Bank in Weimar.

Nachdem die Unsicherheit infolge des Krimkrieges immer mehr von den Börsen genommen worden war, ging es ab Anfang 1855 wieder steil bergauf. Insbesondere die Aktienkurse der Banken stiegen in die Höhe. Auch die zweite Tranche der Darmstädter Bank in Höhe von 60.000 Aktien wurde ohne Probleme vom Markt aufgenommen. Der Aktienkurs des Instituts konnte von 248 fl am 14. Januar 1856 bis auf 375 fl. am 17. März ansteigen. Das offizielle Ende des Krimkrieges mit dem Pariser Frieden am 4. April 1856 sorgte für weiteren Auftrieb. Bis zum 2. Juni 1856 kletterten beispielsweise die Aktien der Darmstädter Bank auf 438 fl. Allerdings waren damit die Höchstkurse erreicht.

Zwar ging die Spekulation weiter, jedoch überschwemmten mittlerweile so viele Neuemissionen das Parkett, dass die Anleger die Übersicht verloren. Auch zweite und dritte Einzahlungen auf frühere Emissionen belasteten das Börsenklima zusehend. Allein im Bankensektor stieg die Summe des 1856 eingezahlten Aktienkapitals von 60 auf 154 Millionen Mark. Trotzdem gelang es noch einigen Banken, wie z.B. der Norddeutschen Bank in Hamburg oder der Hamburger Vereinsbank, ihre Aktien vollständig zu plazieren.

Allerdings gerieten die europäischen Börsenplätze ab Ende August 1856 zunehmens unter Druck. Die Preußische Regierung beobachtete die Verdrängung des eigenen Papiergelds, durch die von den um ihr Territorium liegenden Aktienbanken herausgegebenen Noten, mit zunehmender Skepsis. In der Folge verbot die Regierung am 14. Mai 1855 Zahlungsleistungen in nicht-preußischen Noten unter zehn Talern. Gerüchte über ein vollkommenes Zahlungsverbot für außerpreußische Geldscheine sorgten zu Beginn des Jahres 1857 für weitere Kursrückgänge. Im Mai 1857 war die Aktie der Darmstädter Bank auf 270 Gulden zurückgefallen. Auch andere Industrien wie Eisenbahn und Bergwerke waren nun von den Kursrückgängen betroffen. In ganz Europa drohten die zuvor hochgetriebenen Kursblasen zu platzen.

Im Spätsommer 1857 verursachten die dramatischen Entwicklungen in Amerika die ersten Auswirkungen auf dem europäischen Kontinent. Zunächst war vor allem das britische Empire betroffen. Hier rannte die Bevölkerung den Banken in London, Edinburgh, Dublin und anderen Großstädten die Türe ein. Um die Panik abzuwenden entschloss sich die Regierung zur Aussetzung der Peelschen Bankakte. Diese nach dem Premierminister Robert Peel benannte Regelung von 1844 war ein Gesetz, das die Organisationsstruktur der Bank of England reformierte und später zur Grundlage des Goldstandards sowie zum Vorbild der Währungsgesetzgebung des 19. Jh.s wurde. Kern des Gesetzes ist die Teilung der Bank of England in zwei Abteilungen: eine von den Direktoren geleitete Bank-Abteilung, die weiterhin frei von staatlichen Restriktionen ihre Bankgeschäfte abwickeln konnte, und eine Notengeld-Abteilung, deren fiduziäre (nicht durch Metall gedeckte) Notenemission kontingentiert wurde. Gleichzeitig setzte die Bank of England ihren Diskontsatz alle ein bis zwei Wochen nach oben. Doch es half nichts, wie schon in Amerika mussten zahlreiche Handelshäuser und Banken Konkurs anmelden. Der Londoner Wirtschaftsprüfer John Ball berichtete zu jener Zeit von Unternehmen mit weniger als 10.000 Pfund Eigenkapital und Verbindlichkeiten von 900.000 Pfund.

In Deutschland war insbesondere Hamburg durch seine internationalen Wirtschaftsbeziehungen - u.a. nach Amerika, Großbritannien oder Skandinavien - von der Krise betroffen. Die Krise, die im August in New York begonnen hatte, erreichte mit drei Monaten Verspätung schließlich die Hansestadt. Dort hatten die Banken während des Krimkriegs schwedischen Unternehmen, die Waren nach Russland schmuggelten, große Kredite gewährt. Auch nach Ende des Krieges flossen weiter Kredite nach Skandinavien.. Doch nun spekulierten die Schweden mit diesen Krediten im Schiffbau, in Fabriken und im Bergbau, so dass mit Platzen der Spekulationsblasen - neben dem Ausfall der Weizenexporte in die USA - zusätzliches Unheil über Hamburg hereinbrach.


 
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