|
Die Weltwirtschaftskrise 1857 (Teil 1 USA) |
|
|
|
|
Seite 1 von 2 Ausgehend von New York und Ohio verbreitete
sich im Jahr 1857 eine schwere Wirtschaftskrise in einer hohen
Geschwindigkeit über die gesamte Welt. Insbesondere waren die weiter
entwickelten Finanzzentren in den Vereinigten Staaten und Europa
betroffen, aber auch viele Kolonien und kleinere Staaten wurden in
Mitleidenschaft gezogen.
Zu dem Aufschwung nach der Krise der
Jahre 1847/1848 in Europa und Amerika, trugen auch Goldfunde in
Kalifornien (1849) und Australien (1851) durch die rasche Ausweitung
der Exporte in diese Länder ihren Teil zur positiven Wirtschaftslage
bei. Weite Regionen erlebten in den Jahren 1849 bis 1856 einen großen
Aufschwung, insbesondere im Eisenbahnsektor und im Bankwesen.
Aktienbanken in Großbritannien und Deutschland räumten der Industrie
Kredite in großem Umfang ein und verbesserten das Wirtschaftsklima
dadurch weiter. Der seit 1853 in Europa wütende Krimkrieg zeigte zwar
keine unmittelbaren Auswirkungen auf Amerika, die Exporte von Weizen in
die alte Welt stiegen jedoch aufgrund des Wegfalls des russischen
Marktes stark an. Doch die "goldenen Zeiten" gingen schnell vorüber.
Den ersten Einschnitt bekam die amerikanische Wirtschaft mit dem Ende
des Krimkrieges im Jahr 1856 zu spüren. Europas Nachfrage nach
amerikanischem Weizen brach drastisch ein, da nun wieder billiger,
russischer Weizen den Markt überschwemmte. Doch nicht nur in Europa,
auch in Amerika, wo zusätzliche Aussaaten die Menge an
landwirtschaftlichen Produkten massiv erhöhten und die Preise in Folge
des Überangebots stark nachgegeben hatten, fiel der Weizenpreis in den
Keller. Dadurch konnten viele Farmer nicht mehr die Schulden bezahlen,
die sie inbesondere bei Kaufleuten und Banken der Ostküste aufgenommen
hatten.
Nun zeigte sich auch die bisherige exzessive
Importpolitik Amerikas als Problem. Dadurch, dass die Importe die
Exporte bei weitem überstiegen, floss ständig Gold aus dem Land ab -
vorwiegend nach Europa. Die Goldreserven verkleinerten sich immer
weiter, bis die Banken schließlich im Sommer 1857 versuchten durch ein
übermäßiges Anheben der Zinsraten ihre verbleibenden Goldreserven
abzusichern.
Auch die Spekulationen hatten in den goldenen
Jahren überhand genommen.. Viele Investitionsvorhaben dieser Zeit, wie
Eisenbahnstrecken oder Landerschließungen, waren spekulativ und
problematischerweise zu einem Großteil mit Krediten finanziert worden.
Investoren konnten erst in ferner Zukunft mit Profit rechnen. Zudem
waren viele Kredite ohne eingehende Prüfung der Person oder ihrer
Sicherheiten vergeben worden.
Im Sommer 1857 war das gesamte
Wirtschaftssystem schon sehr labil und wartete nur noch auf einen
Auslöser, der das Kartenhaus zum Einsturz bringen sollte. Dieser erste
Dominostein fiel schließlich am 24. August 1857 in New York und Ohio.
An jenem Tag musste die New Yorker Filiale der Ohio Life Insurance and
Trust Company, die noch wenige Tage zuvor als grundsolides Unternehmen
galt, Konkurs anmelden. Das Finanzinstitut hatte 5 Millionen Dollar an
riskante Eisenbahnvorhaben verliehen. Kurz darauf stellte sich heraus,
dass ein Großteil des eingesetzten Kapitals aufgrund einer zu
leichtfertigen Handhabung veruntreut worden war. Unfähig die Schulden
bei den anderen Banken der Ostküste zu bezahlen, wurde schließlich auch
die Ohio Life in den Bankrott gezwungen.
Die Banken in New York
reagierten umgehend auf den Skandal und schränkten sogar die
einfachsten Routinetätigkeiten massiv ein. Gleichzeitig wurden die
Zinssätze auf Kreditschulden stark nach oben gesetzt. Schließlich
verlangten sie bei fast allen fälligen Krediten die sofortige Zahlung
und verweigerten Wechsel von Kaufleuten und Schuldnern, die knapp bei
Kasse waren.
Dies wurde nun wiederum von vielen Leuten als
Zeichen eines drohenden Wirtschaftskollaps interpretiert und löste die
erste Stufe der Panik in der Bevölkerung New Yorks aus. Viele
Wertpapierbesitzer rannten zu ihren Brokern und tätigten dort nach
Aussagen der Zeitschrift Harper's Weekly "Transaktionen, die eine Woche
zuvor als ruinöser Verlust gemieden worden wären." Bekannte Bluechips
fielen damals innerhalb weniger Stunden um 8 bis 10 Prozent ihres
Wertes. Die Folgen waren verheerend. Allein in New York verloren 20.000
Menschen unmittelbar durch die Krise ihren Job.
Doch die
Auswirkungen dieses Crashs an der New Yorker Börse beeinflusste in der
Folge auch andere Staaten und Branchen. Unmittelbar nach dem Crash
überschlugen sich die Ereignisse. Britische Kaufleute und Banken zogen
ihr Geld aus Amerika ab. Der Weizenpreis fiel immer noch und Rußland
unterbot am offenen Markt auch noch den amerikanischen Baumwollpreis.
In den Häfen Amerikas lagerten unzählige Tonnen importierter Waren, die
mangels Kaufkraft nicht abgestoßen werden konnten. Einige
Eisenbahnprojekte konnten aufgrund fehlender Investitionsmittel nicht
fertiggestellt werden, andere Bahnen gingen wegen einer zu hohen
Überschuldung bankrott. Doch ohne Eisenbahn konnten auch viele Vorhaben
entlang der geplanten Trasse nicht verwirklicht werden. Durch den Abzug
des Geldes von den Banken hatte sich die Goldreserve bis Mitte
September um 20 Millionen Dollar verringert. Der Wirtschaft drohte der
Kollaps.
Um die zugespitzte Situation etwas zu entspannen,
hatten die Banken der Ostküste beschlossen, eine größere Menge Gold aus
den kalifornischen Minen als Sicherheitsreserve zu beschaffen. Anfang
September stach die SS Central America, ein damals hochmoderner
Schaufelraddampfer von rund 90 Metern, mit einer Gold-Ladung aus den
kalifornischen Minen im Wert von mehreren Millionen Dollar in Panama in
See. Doch die erhoffte Rettung kam niemals in New York an. Das Schiff
geriet am 12. September 1857 in einen starken Hurricane und versank
rund 200 Meilen von der Küste von South Carolina im Golfstrom. Neben
der menschlichen Tragödie mit über 400 Ertrunkenen war damit auch das
gesamte Gold in den Fluten versunken. Erst Ende der 1980er Jahre wurde
das Wrack der SS Central America in über 2500 Meter Tiefe mit dem
Goldschatz wiederentdeckt.
Als die Nachricht vom Untergang in
New York eintraf, verfiel die Finanzwelt in einen Schockzustand.
Finanzinstitute mussten die Goldzahlung verschieben, die Aktienkurse
crashten und Tausende von Geschäften, eingeschlossen die Hälfte aller
New Yorker Broker, mussten Bankrott anmelden. Am 13. Oktober 1857 kam
es zu einem erneuten Crash an der Wall Street, der auch die letzten
noch willigen Investoren vergraulte. Doch nicht nur New York war
betroffen. Durch die neuen technischen Erungenschaften, wie die ersten
Telegraphenleitungen, verbreitete sich diese Unsicherheit schnell im
gesamten Land. Bald verweigerten auch Banken in Philadelphia und
anderen großen amerikanischen Städten die Herausgabe von Gold. Die Zahl
der Arbeitlosen stieg im ganzen Land raketenartig an. Bis Ende Oktober
waren allein in Manhatten und Brooklyn über 100.000 Menschen ohne
Beschäftigung. Im Dezember betrug der Schaden durch die
Geschäftsausfälle und Insolvenzen allein in New York City rund 120
Millionen Dollar.
|