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Die Schreckensjahre der amerikanischen Börse 1906/1907 |
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Seite 2 von 2 Sehr gut gibt ein Abschnitt aus dem Buch Jesse
Livermore "Das Spiel der Spiele" aus dem TM Börsenverlag die
Geschehnisse jenes Tages wieder: "...(ein befreundeter Broker sagte an
jenem Tag zu ihm:) Hast Du jemals von dem im Unterricht durchgeführten
Experiment gehört, bei dem eine Maus in der Glasglocke sitzt, aus der
die Luft herausgepumpt wird. Man kann sehen, wie die arme Maus immer
schneller atmet, ihre Lunge arbeitet wie ein überlasteter Blasebalg,
über den sie versucht genügend Sauerstoff aus dem schwindenden Volumnen
in der Glocke zu bekommen. Man sieht wie sie erstickt, ihre Augen
treten aus dem Kopf hervor, sie schnappt nach Luft und ist schließlich
hinüber. Daran musste ich denken, als ich die Menschenmenge am Money
Post sah! Nirgendwo Geld; man kann seine Aktien nicht verkaufen, denn
es gibt niemanden der sie kaufen könnte. Wall Street ist bankrott, wenn
Du mich fragst!" Seine Worte gaben mir zu denken. Ich hatte zwar einen
plötzlichen Kursverfall kommen sehen - nicht jedoch die schlimmste
Panik in der Geschichte der Vereinigten Staaten...."
Erst das Eingreifen des Bankers J.P. Morgan
konnte die Situation an der New York Stock Exchange entspannen. Durch
einen schnell verfügbaren Kredit von 10 Millionen Dollar, der durch
verschiedene Banken getragen wurde, sorgte Morgan dafür, dass sich die
prekäre Situation an der New York Stock Exchange entspannte. Die
Liquidität am Aktienmarkt konnte dadurch aufrecht erhalten werden und
der Verkaufsdruck der Kunden ließ langsam nach. Auch die Bankenszene in
New York kam durch ein Zusammenarbeiten verschiedener großer Banken
(darunter u.a. Morgan, Baker, Stillman) und anderer Quellen (wie J.D.
Rockefeller), die dringend benötige Finanzmittel zur Verfügung
stellten, wieder unter Kontrolle. Dennoch ging das Jahr 1907 als eines
der schlimmsten der amerikanischen Börsengeschichte in die Analen ein.
Am Jahresende notierte der Dow Jones nur noch bei 58,75 Punkten - ein
Minus von 37,73 Prozent im Jahresvergleich.
Eine in diesem
Zusammenhang interessante Theorie des Schweizer Freiwirtschaftlers
Fritz Schwarz beschuldigt übrigens die beiden Wirtschaftsgiganten
Morgan und Rockefeller, die Panik des Jahres 1907 absichtlich
inszeniert zu haben. Bereits im Juni 1906 sollen sich Morgan und
Rockefeller demnach darauf verständigt haben, die Konkurrenz und die
Regierung durch eine Deflationskrise in die Knie zu zwingen. Morgan
hatte so die Möglichkeit die Konkurrenten \"billig\" zu übernehmen und
Rockefeller hätte den Staat unter Druck gesetzt, der seine Standard Oil
Company wegen des Verstoßes gegen das Antitrust-Gesetz* verklagen
wollte. Ob diese Theorie wahr ist, kann nicht genau bewiesen werden,
fest steht aber, dass beide Unternehmer sicher die nötige Finanzmacht
besäßen. Zudem sollen Morgans Bedienstete wirklich nach dem Crash eine
große Anzahl von Aktien aufgekauft haben - nachweisbar an einem Tag bis
zu 100.000 Stück. Kurz nach der Panik im November 1907 wurde das
Eigentum der Konkurrenzbank Heinze-Morse-Thomas konfisziert und der
Eigentümer zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Auch wenn die Theorie
wahr sein sollte, so zog Rockefeller selber keinen erkennbaren Nutzen
aus dieser Zusammenarbeit, da sein Unternehmen im August 1907 zu einer
Strafe von 29 Mio. US-Dollar wegen des Verstoßes gegen das
Anti-Trust-Gesetz verurteilt wurde. 1911 wurde sein Imperium
schließlich per Gerichtsbeschluß in 34 Gesellschaften zerschlagen.
*Das
Antitrust-Gesetz geht auf das Jahr 1890 zurück, als Präsident Harrison
den Sherman Antitrust Act unterzeichnete, der Kartellen (=Trusts) und
Konzernen, die den freien Wettbewerb einschränkten, für ungesetzlich
erklärte und Strafen von bis zu 5.000 Dollar oder ein Jahr Gefängnis
oder beides vorsah. Am 18. November 1906 klagte die Regierung der
Vereinigten Staaten in Missouri auf Zerschlagung von Standard Oil
entsprechend dem Sherman Anitrust Act. Angeklagt waren neben dem den
Unternehmen Standard Oil of New Jersey sowie 65 der von Standard Oil
kontrollierten Unternehmen auch die gesamte Führungsebene u.a. mit John
und William Rockefeller, Henry Flager oder Oliver Payne. Der sich über
mehrere Jahre hinziehender Prozeß endete schließlich am 5. Mai 1911 in
der Zerschlagung der Standard Oil Company.
15.04.2002 11:18 © boerse.de
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