Zwei vollkommen verschiedene Gründe waren in
den Jahren 1847 und 1848 der Auslöser zum Ausbruch einer schweren
Wirtschaftskrise. Zum einen führten die schlimmen Missernten des Jahres
1846 zu verstärkter Spekulation in Weizen und zum anderen trugen, wie
wenige Jahre zuvor bereits in Deutschland, erneut Eisenbahnaktien einen
großen Teil zur Panik bei..
Gleich zwei Katastrophen
verursachten ab 1845 große Schäden in den europäischen
Landwirtschaften. Erstmals war 1845 in Europa die Kartoffelfäule in
großem Maße aufgetreten. Kartoffeln, die bei der Ernte noch gut
aussahen, waren innerhalb weniger Tage zu einer braunen, klebrigen und
stinkenden Masse verfault. Besonders strukturschwache Gebiete, wie
Irland oder vorwiegend ländliche Gebiete auf dem Kontinent, wurden arg
in Mitleidenschaft gezogen, da dort die Kartoffel oft das einzige
billige Nahrungsmittel war, dass der Bevölkerung in größeren Mengen zur
Verfügung stand. Doch die Situation nahm im Folgejahr noch weitaus
dramatischere Formen an, als auch die Kartoffelernte 1846 der
Braunfäule zum Opfer fiel. Nach einem zeitgenössischen Zeitungsartikel
aus der Neuen Züricher Zeitung verhungerten durch den Ausfall der zwei
Kartoffelernten 1845 und 1846 in Europa etwa 2 Millionen Menschen.
Doch
auch andere Ernten wurden durch plötzliche Kälteeinbrüche im Sommer und
verheerende Stürme arg dezimiert. So war die Weizenernte des Jahres
1846 die schlechteste seit 100 Jahren. Damit war auch die zweite
Quelle, die eine gewisse Grundversorgung sicherte, zusammengebrochen.
Die Preise für Lebensmittel schossen in die Höhe. Insbesondere der
Weizen wurde zunehmend zum Spekulationsobjekt. Kostete ein Quarter
Weizen im August 1846 noch 46 Shilling, so stieg der Durchschnittspreis
bis November des gleichen Jahres auf 56 Shilling.
Der
sprunghafte Anstieg des Weizenpreises war allerdings nicht die einzige
Gefahr für die Wirtschaft. Die zunehmende Spekulation in
Eisenbahnaktien führte Anfang 1847 zu einer finanziellen Notlage.
Wieder erwies sich dabei das Emissionssystem als Ursache der späteren
Krise. Üblicherweise wurde bei Emissionen nur ein Teil des
Emissionspreises angezahlt, der Rest sollte durch Nachzahlungen in
bestimmten Abständen erfolgen. Damit konnten auch Kleinanleger, die nur
über begrenzte Mittel verfügten, an der Aktienhausse teilhaben. Solange
die Kurse stiegen, war dieses System durchaus profitabel. Bevor die
nächste Nachzahlung fällig war, konnte der Investor das Papier abstoßen
und den Kurszuwachs als Gewinn behalten. Ab Ende 1846 nahmen allerdings
die Nachzahlungsforderungen der Eisenbahngesellschaften, die Geld für
weitere Investitionen benötigten, immer mehr zu. Allein im Januar 1847
beliefen sich die Zahlungsforderungen für Eisenbahnaktien auf 6,5
Millionen Pfund. Die Wertpapierkäufer kamen nun, da die Kurse nicht so
schnell stiegen, in arge Bedrängnis. Viele Investoren hatten auch
einfach nicht das Geld, um den Nachforderungen nachkommen zu können.
Die Folge waren fallende Kurse, da das Interesse an Eisenbahnaktien
spürbar nachließ.
Die Situation spitze sich durch die aus den
Fehlinvestitionen resultierende Geldknappheit zunehmend zu. Um
wenigstens ein bisschen Geld zu retten, nahmen nun viele Investoren an
der Weizenspekulation teil. Die Weizenkurs-Hausse verschärfte sich noch
einmal und erreichte im Mai 1847 schließlich den Höhepunkt. Zu diesem
Zeitpunkt hatte sich ein Quarter Weizen mit 93 Shilling in den letzten
zehn Monaten nahezu verdoppelt.
Im Spätsommer 1847 wendete sich
in Großbritannien schließlich das Blatt endgültig. Für den Auslöser der
Panik gibt es zwei verschiedene Theorien. Die erste besagt, dass die
Franzosen im Jahr 1847 große Mengen überschüssigen Weizen aufkauften
und ihn im Juni und Juli über den Kanal schickten. Insgesamt sollen
dabei rund 18.000 Zentner deutlich unter Preis in England angeboten
worden sein. Doch erscheint dieses Szenario aufgrund der geringen Menge
eher unwahrscheinlich. Die zweite Theorie erscheint deswegen
plausibler. Im Jahr 1846 waren die Einfuhrzölle auf Weizen aufgehoben
worden, um der hungerleidenden Bevölkerung möglichst schnell helfen zu
können. Die Importe hatten sich dadurch von 600.000 Zentnern (1846) auf
1.1 Millionen Zentnern im Jahr 1847 fast verdoppelt. Damit konnte die
Knappheit auf dem Markt erst einmal abgewendet werden. Als sich zudem
im Juli 1847 herauskristallisierte, dass die Ernte in diesem Jahr sehr
gut ausfallen könnte, wurde die Weizenspekulation gänzlich ihrer
Grundlage beraubt und der Preis begann rasch zu fallen.
Während
weite Bevölkerungsteile nun wieder Hoffnung schöpften, saßen die
Spekulanten, die nicht rechtzeitig abgesprungen waren, vor einem hohen
Schuldenberg. Zahlreiche Firmen, die mit dem Getreidehandel zu tun
hatten, waren durch die stark sinkenden Preise ebenfalls vom Bankrott
bedroht. Gleichzeitig wurde die Luft auch für Banken und
Finanzinstitute, die sich zuvor verspekuliert hatten, immer dünner. Im
August 1847 kam es zu ersten Pleiten. Betroffen war zunächst vor allem
London mit 11 und Liverpool mit 5 Konkursen. Die Krise verschlimmerte
sich nun zunehmend. Im September 1847 stieg die Zahl der Konkurse in
Großbritannien auf 37, bevor im Oktober mit 82 Pleiten der Höhepunkt
erreicht wurde. Im November meldeten noch 59 Firmen Insolvenz an, ehe
sich die Lage im Dezember 1847 mit 26 Konkursen schließlich langsam
wieder beruhigte.
Doch während sich in England die Wogen
glätteten, machte sich die internationale Verflechtung der britischen
Wirtschaft auf dem Kontinent bemerkbar. Vor allem Frankreich, die
Niederlande und Deutschland waren von den Ereignissen im britischen
Empire unmittelbar betroffen. Insbesondere zwischen März und Mai 1848
kam es in diesen Ländern vermehrt zu Konkursen. Auch New York meldete
im Mai einige Konkurse von eng mit Großbritannien verknüpften
Unternehmen.
Die Krise 1847/1848 war so schnell vorbei wie sie
aufgetreten war. Die Ernte des Jahres 1847 war die beste seit 100
Jahren und auch für die kommenden Jahre waren keine Missernten zu
beklagen. Endlich waren wieder genügend Lebensmittel für alle
vorhanden. Auch für arme Bevölkerungsschichten waren so viele Produkte
erschwinglich, so dass viele in den kommenden Jahren "goldene Zeiten"
erlebten. Doch auch diese Zeit war nicht von Dauer - im Jahr 1857 kam
es erneut zu einer großen Krise, die später als erste
Weltwirtschaftskrise in die Geschichtsbücher einging.
03.12.2001 09:22 © boerse.de
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