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Die Krise 1864-1867 (Teil 2) - Overend Gurney & Company und Schwarzer Freitag |
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Die Auswirkungen der
Baumwollkrise der Jahre 1861-1864 waren unmittelbar zwar nur an der
Börse in Paris zu spüren gewesen (siehe Teil 1), belasteten in der
Folge aber die Wirtschaft in ganz Europa und waren letztendlich auch
eine Ursache, die in anderen Ländern wie Großbritannien, Deutschland,
Spanien oder Italien im Jahr 1866 zu massiven Kursrückgängen führte.
Exemplarisch sollen nun die Vorfälle in Großbritannien und Deutschland
näher beleuchtet werden:
Der Beginn der britischen Krise von
1866 wird von vielen Historikern auf das Jahr 1863 zurückdatiert.
Bereits 1864 gab es zwei kritische Phasen, die die Wirtschaft in
Großbritannien belasteten (im Januar, als die Baumwollkrise in
Frankreich wütete, und etwas später durch den Preisverfall der
importierten Baumwolle), jedoch hielt der Spekulations-Boom zunächst
noch weiter an. Er verschob sich lediglich auf andere Branchen wie z.B.
die Wechsel- und Diskontbanken. Diese Banken hatten in der Boomphase
stark an Popularität gewonnen, da bei ihnen wesentlich einfacher Geld
zu bekommen war als bei den alteingesessenen Finanzhäusern. In der
Regel firmierten diese Banken als Aktiengesellschaft, da nur so das
nötige Grundkapital aufgebracht werden konnte. Um Anleger für die
eigene Bank zu begeistern, lockten die Banken mit immer höheren
Dividenden. Auf dem Höhepunkt des Booms, Mitte 1865, konnten diese
Aktien teilweise sogar mit eine Dividenden-Rendite von bis zu 100%
Rendite erreichen.
In diese Zeit fällt auch der Börsengang der
damals bekannten Bank Overend, Gurney & Co. Diese Bank hatte sich
in der ersten Hälfte des Jahrhunderts bereits einen Namen als Diskont-
und Wechselbank gemacht und dominierte zu jener Zeit den Markt für
Wechsel. Zeitweise waren 8 bis 10 Millionen Wechsel gleichzeitig in der
Hand der Bank. Die Aktien der Overend, Gourney & Co. fanden
deswegen bei der Emission im Juli 1865 reißenden Absatz bei den
Anlegern. Doch der Börsengang hatte auch seine Schattenseiten. Einige
der Altgesellschafter hatten sich im Zuge des IPO aus dem Unternehmen
verabschiedet, da sie die kommende Kathastrophe wohl schon
vorausgesehen hatten.
Die große Anzahl an umlaufenden Wechseln,
eine schlechte Boniätsüberprüfung und die zunehmend labile
Wirtschaftslage brachten das bekannte Bankhaus in eine kritische Lage.
Eine genaue Überprüfung jedes Wechsels war bei Overend durch die große
Menge praktisch unmöglich. Zudem belasteten mehrere Fehlspekulationen
des Managements in den Jahren 1860 bis 1866 die Bilanz des
Unternehmens. Besonders hervorzuheben ist hier der Betrug des
Bankgesellschafters D. W. Chapman. Dieser galt in jenen Jahren in der
Londoner Gesellschaft durch seine verschwenderische Feste und Empfänge
am Prince'S Gate beim Hyde Park als Berühmtheit. Zusammen mit seinem
Berater Edward Watkins Edwards, ein ehemaliger Buchhalter, hatte
Chapman ein kurioses System geschaffen, das letztendlich den Ruin des
Hauses Overend Gurney & Co bedeutete. Edwards empfahl alle
möglichen Geschäfte zur Aufnahme in das gewinnbringende Diskontgeschäft
der Bank. Chapman beeinflusste anschließend die Mitgesellschafter durch
seine Stimme, so dass diverse spekulativen Geschäfte mit Getreide oder
Baumwolle, die Eisenproduktion und Eisenbahn oder Schiffbau sowie
Schifffahrt von der Bank finanziert wurden. Schon 1860 klaffte durch
diese Vorgehensweise eine große Lücke von 500.000 Pfund zwischen den
Einnahmen aus dem Diskontgeschäft (200.000 Pfund) und den Ausgaben
(700.000 Pfund). Doch die Boomphase Anfang der Sechziger Jahre hielt
das System Chapmans vorerst am Leben.
Ab Mitte des Jahres 1865
nahm zudem die Unsicherheit an den Märkten aufgrund der immer stärker
werdenden Kriegsgefahr in Europa wieder zu. Die Anleger entzogen dem
Markt Liquidität und erhöhten gleichzeitig ihren Bargeld- und
Goldbestand. Viele Unternehmen der vorangegangenen Boomphase der
letzten Jahre hatten plötzlich Zahlungsschwierigkeiten. Besonders
hervorzuheben ist hier der Bankrott der Eisenbahngesellschaft Watson,
Overend and Company im Januar 1866. Obwohl das Unternehmen nichts mit
dem Finanzinstitut Overend Gurney & Co zu tun hatte, sorgte doch
die dadurch verursachte negative Stimmung in der britischen Wirtschafts
für einen massiven Rückzug der Anleger von der Börse. Dies hatte
verheerende Auswirkungen auf Overend. Die Anzahl der hochriskanten oder
gar faulen Wechsel stieg rapide, so dass der Schuldenberg des
Unternehmens weiter anwuchs. Am 10. Mai 1866 bracht das Finanzinstitut
schließlich unter einer Last von 5 Millionen Pfund Sterling zusammen
und stellte alle Zahlungen ein. Einen Tag später reagierte die Bank of
England mit einer Anhebung des Diskontsatzes auf 10 Prozent.
Gleichzeitig hob das britische Parlament wie schon 1857 die Peelschen
Bankakte auf. Doch es half alles nichts. Die neuen Ticker trugen die
Nachricht vom Overend-Bankrott schnell zu den bereits hypernervösen
Investoren an alle wichtigen Börsenplätze Europas. Die Kurse in London
brachen als Reaktion der Overend-Pleite innerhalb weniger Minuten ein
und stürzten die britische Wirtschaft in eine schwere Krise. Später
bekam der 11. Mai 1866 die Bezeichung "Schwarzer Freitag". Zeitgenossen
sprachen von der "schlimmsten Panik seit 1825".
Doch Overend,
Gurney & Co trägt nicht allein die Schuld an dem Crash. Einige Tage
zuvor war es bereits in Deutschland zu einem massiven Kurssturz
gekommen. Anders als in Großbritannien war hierfür aber die politische
Entwicklung ausschlaggebend gewesen. Der Crash in Deutschland hatte die
Nervosität in London zusätzlich massiv erhöht, so dass der Konkurs von
Overend lediglich der Auslöser des britischen Crash war.
Seit
1863 belasteten politische Spannungen insbesondere zwischen Preußen und
Österreich bzw. Dänemark die deutschen Finanzmärkte. Während Preußen
und Österreich um die Führung im Deutschen Bund rivalisierten,
entstanden die Spannungen zwischen Preußen und Dänemark mit der
Einverleibung Schleswigs in das Königreich Dänemarks im November 1863.
Nicht nur die preußische Regierung sah darin einen Bruch bestehender
Verträge. Erst durch den Einmarsch preußischer Truppen in
Schleswig-Holstein im Februar 1864 wurde diese Unsicherheit von den
Börsen genommen und die Kurse erholten sich wieder. Doch diese Phase
hielt nur kurz.
Obwohl mit dem Frieden von Gastein am 14. August
1865 wieder Ruhe zwischen Dänemark und Preußen eingekehrt war,
herrschte an den Aktienmärkten in Deutschland Lustlosigkeit. Die Kurse
bewegten sich kaum und viele Anleger warteten mit Neuengagements erst
einmal ab. Grund waren zunehmende Zinssteigerungen der Preußischen Bank
und eine erneute politische Verschärfung - diesmal in den Beziehungen
zwischen Österreich und Preußen. Die Aufrüstungsvorbereitungen beider
Gegner sorgten ab April 1866 für zunehmende Kursverluste an den
deutschen Börsen. Am 2. Mai 1866 erfolgte schließlich die Mobilmachung
der preußischen Truppen. Die Anleger an der Berliner Börse reagierten
mit Panik. Doch das Ende war noch nicht erreicht. Der erneute Einmarsch
preußischer Truppen in Schleswig-Holstein wenige Tage später
verkraftete der Markt zwar noch einigermaßen, als die Preußische Bank
aber in Folge der Krise in London die Zinsen am 11. Mai 1866 auf 9
Prozent anhob, fielen die Kurse ins Bodenlose. Die allgemeinen Flucht
in die Liquidität und die Abkehr von anfälligen Unternehmen in dieser
unsicheren Zeit, führte bei vielen Wertpapieren zu hohen zweistelligen
Verlusten innerhalb kürzester Zeit. Zeitgenössische Berichte aus Berlin
sprechen von einem beispielslosen, nie dagewesenen Kurssturz.
Sowohl
Großbritannien als auch Deutschland fielen durch die politischen und
wirtschaftlichen Ereignisse in Folge des ersten "Schwarze Freitags" der
Geschichte in eine tiefe Rezession. Erst im Jahr 1868 erholten sich die
Volkswirtschaften langsam wieder von dieser Kriese. Doch es sollte
nicht lange dauern, ehe die politischen Entwicklungen erneut für
Turbulenzen in Europa sorgten.
28.01.2002 10:49 © boerse.de
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