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Die Finanzkrise in England, Schottland und den Niederlanden (1772/1773) |
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Seite 2 von 2 Von den Konkursen der
Londoner Unternehmen war vor allem auch eine schottische Bank
betroffen, die enge Beziehungen nach London hatte. In Schottland hatte
die boomende Wirtschaft zu einer steigenden Anzahl an neuen
Privatbanken geführt. Im Jahr 1769 war im schottischen Ort Ayr, die
Douglas, Heron & Company gegründet worden. Die Bank gewann aufgrund
einer liberalen Kreditpolitik sehr schnell neue Kunden und expandierte
rasch in andere Teile Schottlands. Im Jahr 1771 verschmolz das
Unternehmen mit der Ayr Banking Company. Ab 1772 wurde das Unternehmen
schließlich in Ayr-Bank umfirmiert. 1772 besaß die Ayr-Bankgruppe neben
dem Hauptsitz in Ayr Filialen in Edinburgh und Dumfries sowie
Vertretungen in Glasgow, Inverness, Kelso, Montrose, Campbeltown und
einigen anderen Orten. Unter den Shareholdern des Unternehmens waren
bekannte Personen wie der Duke of Queensberry, der Duke of Buccleuch,
der Earl of Dumfries, der Earl of March, Sir Adam Fergusson of
Kilkerran, Patrick Heron of Heron und der ehrbare Archibald Douglas.
Die
Bank war gegründet worden, um die finanzielle Versorgung auf dem Land
zu sichern. Aber schon bei der Gründung waren einige Fehler begangen
worden, die schließlich ins Verderben führten. Das Unternehmen handelte
weit über die ihm zur Verfügung stehenden Mittel hinaus und erhöhte zur
Deckung den Umlauf mit bankeigenen Geldscheinen. Ein Fehler, an dem
bereits John Law - wenn auch in größerem Umfang - gescheitert war.
Kredite wurden ohne große Prüfung in hoher Summe für die verrücktesten
Geschäftsideen verliehen. In der Geschäftsführung befanden sich zwar
viele angesehene und ehrbare Persönlichkeiten - aber kein einziger
kannte die Grundregeln des Bankgeschäfts. Zudem erschwerten die
unabhängig voneinander operienden Filialen eine Gesamtkontrolle der
Zahlungsströme. Und zu guter Letzt zeigte auch die Unternehmensführung
eine katastrophale Nachlässigkeit in wichtigen Entscheidungen.
Im
Mai 1772, schon vor dem Kollaps des Londoner Banking House of Neale,
James, Fordyce and Doune, erkannten die Direktoren der Ayr-Bank ihre
Fehler und versuchten verzweifelt eine Lösung zu finden. Die engen
Geschäftsbeziehungen nach London leitete nach dem für die Schotten
unerwarteten Kollaps in London das Ende der Ayr-Bank ein. Zwar
versuchten die Inhaber fast ein Jahr lang das Vertrauen der Gläubiger
in die Ayr Bank wiederherzustellen, doch die Bank of Scotland, die
Royal und die British Linen Company verweigerten weiterhin die Annahme
der Banknoten der Ayr Bank. Auch in London wurde der Geldhahn
zugedreht. Im August 1773 musste die Ayr Bank schließlich bankrott
melden. Der Gesamtverlust für die damals 225 Teilhaber lag bei über
663.396 Pfund.
Die plötzliche Insolvenz der bekannten Bank löste
einen Schock in Schottland aus. Der Zusammenbruch riss eine große
Anzahl der Privat- und Provinzbanken mit sich. Betroffen waren auch
viele Gutshöfe und Kleinunternehmen. Lediglich das Eingreifen der Bank
of Scotland, der Royal Bank sowie der British Linen Company
verhinderten Schlimmeres. Diese drei Unternehmen sorgten durch das
Verleihen von Geldern an einige Provinzbanken für deren Rettung. Die
Banken hätten sonst die Forderungen ihrer Kunden nicht begleichen
können. Durch die Bereitwilligkeit der drei Banken wurde das Vertrauen
und die Stabilität des schottischen Banksystem schnell
wiederhergestellt. Auch in Zukunft gab es in Schottland nie wieder eine
so ernste wirtschaftliche Krise wie in den Jahren 1772 und 1773.
Doch
die Finanzkrise zog weiter ihre Kreise. Wie in Großbritannien standen
auch auf dem Festland die Massenproduktion und die vollen Lager einer
stark zurückgegangenen Nachfrage gegenüber. In Amsterdam hatte das
alteingesessene britisch-niederländische Handelshaus Clifford &
Söhne in großem Umfang Aktien der Londoner East India Kompagnie
erworben.. Beide Unternehmen waren durch umfangreiche Handelsbeziehung
eng aneinander geknüpft und Clifford versuchte durch die Aktienkäufe
den Kurs der Ostindischen Kompagnie zu stützen. Doch die Aktion half
nicht - bis Mitte 1773 reduzierte sich der Kurs auf 150 Zähler. Auf dem
Handelshaus lastete nun ein Schuldenberg von 5 Millionen
niederländischen Gulden. Zwar konnte sich das Unternehmen noch einige
Monate über Wasser halten, doch am 28. Dezember 1773 brach es
schließlich unter der Last der Schulden endgültig zusammen. Private
Kreditgeber und Gesellschafter Cliffords hatten die Verlängerung der
kurzfristigen Schulden ohne zusätzliche Sicherungen verweigert.
Da
die Bank of England die Vergabe weiterer Wechsel oder Kredite zum
eigenen Schutz aussetzte, verschärfte sich die Krise zunehmend. Allein
in Amsterdam gingen danach 40 Handelshäuser in Konkurs, doch wurde eine
schlimmere Katastrophe durch schnelle Edelmetallimporte verhindert.
Auch in Stockholm und St. Petersburg erschütterten wenig später einige
Insolvenzen die Wirtschaft, doch insgesamt kam Europa relativ
glimpflich davon.
Insbesondere das schottische Bankensystem ging
gestärkt aus dieser Krise hervor. Der Zusammenschluss der Banken hatte
bereits das Vertrauen und die Stabilität wieder hergestellt. Die
vollständige gesetzliche Haftung der Aktionäre sowie die Tatsache, dass
aufgrund der hohen Umlaufgeschwindigkeit die meisten anderen Banken
kaum Geldscheine der insolventen Institute hielten, führt nur zu
geringen Einlageverlusten bei den übrigen Finanzinstituten. Auch in
Zukunft konnten durch gegenseitigen Unterstützungsmaßnahmen zahlreiche
Konkurse in Schottland verhindert werden. Zwischen 1809 und 1830 lag
die Insolvenzrate schottischer Banken sogar deutlich unter der
englischen. Während es in Schottland also bergauf ging, wurde England
bereits 1793 erneut in eine Krise gezogen.
16.07.2001 08:27 © boerse.de
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