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Der Gründerboom und der Crash des Jahres 1873 |
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Seite 1 von 2 Nach dem Sieg über Frankreich stieg ein
vereintes Deutschland in die Riege der europäischen Großmächte. Die
Euphorie über den gewonnenen Krieg und das Erstarken der deutschen
Wirtschaft führte in den Jahren 1870 bis 1873 zu einem rasanten
Aufschwung, von dem sich auch Österreich anstecken ließ. Doch die Blüte
dauerte nicht lange. Im Jahr 1873 folgte ein schwerer Crash, der viele
Länder Europas in eine mehr als zwanzig Jahre dauernde Depression
stürzte.
Da diese Krise vor allem auf politischen Gründen
basierte, ist zunächst ein Blick auf die Situation Europas jener Zeit
hilfreich. Im Mittelpunkt der politischen Entwicklung Deutschlands
stand damals Otto von Bismarck. Nach dem deutsch-dänischen (1864) und
deutsch-österreichischen Krieg (1866) war Österreich nicht mehr
Mitglied im Deutschen Bund und Bismarck konnte seinen Weg zu einem
geeinten Deutschland beginnen. Zunächst erarbeitete er eine
Bundesverfassung, mit der er die Staaten nördlich des Mains vereinen
wollte. Bereits am 1. Juli 1867 trat dieses Edikt in Kraft und Bismarck
wurde Kanzler des so entstandenen Norddeutschen Bundes. Mit den noch
fehlenden Staaten Bayern und Baden-Württemberg, schloss er wenig später
gegenseitige Schutzbündnisse. Diese neue Stärke Deutschlands förderte
allerdings die Spannungen mit Frankreich und Österreich, die sich durch
die neu entstandene Macht immer mehr bedroht fühlten.
Die Lage
spitze sich zu, als die Spanier mangels eines eigenen Thronfolgers dem
deutschen Prinzen Leopold von Hohenzollern am 1. Juli 1870 die
spanische Krone anboten. Frankreich sah sich dadurch von zwei Seiten
bedroht und ließ deswegen am 6. Juli 1870 durch seinen Außenminister
Gramond erklären, es werde das zu ungunsten Frankreichs verschobene
europäische Gleichgewicht mit einem Hohenzollern auf dem spanischen
Thron nicht akzeptieren. Bismarck, dem ein Krieg mit Frankreich ein
Mittel zum Zweck erschien, antwortete am 13. Juli 1870 mit einem
direktem Telegramm, das später den Namen Emser Depesche bekam. Da er in
diesem Schreiben weder diplomatische Floskeln noch höfliche Anreden
verwendete, zwang er Frankreich schließlich dazu dem Norddeutschen Bund
am 19. Juli 1870 den Krieg zu erklären. Nur wenige Monate später
errangen die deutschen Truppen bei Sedan den entscheidenden Sieg über
den Gegner und zwangen den französischen Kaiser Napoleon III. zur
Kapitulation. Frankreich wurde dadurch in eine schwere innere Krise
gestürzt. Doch noch wollte sich die Bevölkerung nicht geschlagen geben.
Am 4. September 1870 erzwang die Pariser Bevölkerung den Ausruf der
Republik, doch auch der anschließende Volkskrieg konnte den endgültigen
Sieg des Norddeutschen Bundes nicht mehr verhindern.
Der
schnelle Sieg über Frankreich beeindruckte sowohl Gegner als auch
Verbündete und veranlasste die süddeutschen Staaten mehr oder weniger
freiwillig am 15. November 1870 einer Vereinbarung zur Gründung eines
Gesamtdeutschen Bundesstaates zuzustimmen. Am 1. Januar 1871 wurde so
schließlich das Deutsche Reich gegründet. Wenige Tage später, am 18.
Januar 1871, arrangierte Bismarck im besetzten Versaille die
Unterzeichnung des Friedensvertrages und die Krönung Wilhelms I. zum
deutschen Kaiser. Als Folge des verlorenen Krieges muß Frankreich drei
Departements an Deutschland abtreten und zusätzlich 5 Milliarden Francs
als Reparationsleistung an den Sieger abführen.
Die politische
Entwicklung war natürlich deutlich an der Börse zu spüren. Anfang 1870
belastete zunächst die Sorge über eine mögliche kriegerische
Auseinandersetzung die Berliner Börse. Stark gestiegene Einnahmen der
preußischen Eisenbahnen sorgten ab März jedoch für eine gute Stimmung,
die auch andere Branchen wie die Montanindustrie oder das Finanzgewerbe
zunehmend belebte. Zu den Neuemissionen jener Zeit gehörte übrigens
auch die Deutsche Bank, die am 12. März 1870 die Konzession erhielt und
wenige Tage später an die Börse ging. Mit einem Ergebnis von 294
Millionen Talern war die Zeichnung der Aktien im Wert von 5 Millionen
Talern ein voller Erfolg. Doch die Entwicklung Anfang Juli 1870 setzte
dem Aufschwung ein jähes Ende. Gab es zunächst nur geringe
Kursverluste, so löste das Bekanntwerden der Drohung Frankreichs am 11.
Juli eine Panik aus. Die eigentliche Kriegserklärung am 19. Juli 1871
hatten die meisten Investoren schon vorweggenommen, weshalb zwar ein
erneuter Kurssturz ausblieb, es aber dennoch weiter bergab ging.
Durchschnittlich waren die Kurse der Aktien in den ersten Wochen nach
dem Crash rund 20 eingesunken, einzelne Papiere wie die Aktien der
Darmstädter Bank (36,5%) oder die Berlin-Potsdamer-Eisenbahn (32%)
hatten auch mehr verloren.
Ab Ende Juli legte sich die Aufregung
und die Kurse tendierten seitwärts. Die Investoren warteten damals ab,
wie sich das Blatt wenden würde. Mehrere Siege des Norddeutschen Bundes
in Folge sorgten schnell für eine Rückkehr der Spekulationslust.
Bereits am 1. September 1970 hatten die meisten Papiere ihre
Höchststände von Anfang Juli wieder erreicht oder sogar übertroffen.
Gegen Ende des Jahres lähmte allerdings die erneute Unsicherheit über
die weitere Entwicklung sowie der Sturz des Eisenbahnkönigs Bethel
Henry Strousberg die Börsen ein weiteres Mal.
In den
vorangegangenen 10 Jahren war der Konjunkturaufschwung in Deutschland
dreimal durch Kriege unterbrochen worden, obwohl die
Industrieproduktion und die Produktivität weiter stiegen. Zudem hatte
der Deutsch-Französische Krieg eine starke Zurückhaltung beim Verbrauch
mit sich gebracht. Der endgültige Sieg über Frankreich und das
Bekanntwerden der hohen Reparationszahlungen Frankreichs erlösten die
Wirtschaft schließlich aus ihrer Lethargie und sorgten in den kommenden
Monaten für einen unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung - der
deutsche Gründerboom hatte begonnen. Die allgemeine Aufbruchsstimmung
bekam auch die Börse zu spüren. Durchschnittlich legten die Aktien bis
zum Herbst 1871 um 20 Prozent zu. Während zwischen 1790 und 1870 nur
lediglich 300 Aktiengesellschaften in Deutschland gegründet wurden, so
entstanden allein in den Jahren 1871/1872 etwa 780 neue
Aktiengesellschaften.
Die schrittweise eintreffenden
Reparationszahlungen Frankreichs sorgten dafür, dass der deutsche
Kapitalmarkt immer liquider wurde. Die höchsten Tagesumsätze an der
damals größten Börse in Berlin erhöhten sich von 24.5 Mio. Talern im
Jahr 1870 auf 60.5 Mio. Talern (1871). Im gleichen Zeitraum nahmen die
Jahresumsätze von 2.474 Milliarden Taler auf 4.296 Milliarden Taler zu.
Die Geldmenge stieg 1872 um 25 Prozent und im darauffolgenden Jahr um
13 Prozent. Durch das nun überall verfügbare Geld rückten ab Sommer
1871 vor allem Bankneugründungen in den Mittelpunkt des Interesses der
Spekulanten. Die Berliner Maklerbank beispielsweise war bei der
Emission 326fach überzeichnet gewesen. Aber auch bestehende Unternehmen
versuchten mit Kapitalerhöhungen am Geldsegen teilzuhaben. 104 neue
Unternehmen wurden allein im Jahr 1871 an der Berliner Börse auf den
Kurszettel genommen - in ganz Deutschland lag die Zahl bei 265
Neuemissionen, davon 70 Banken. Die Notierungen an den Börsen schienen
nach oben keine Grenze zu kennen. Bis Ende 1871 hatten die Kurse
gegenüber dem September 1870 um über 50 Prozent zugelegt.
Auch
im kommenden Jahr hielt der Boom an. Zwar wagten im Jahr 1872 \"nur\"
noch 167 Unternehmen den Sprung an die Börse, jedoch wurden
gleichzeitig noch unzählige Kapitalerhöhungen erfolgreich plaziert. War
Deutschland noch 1869 ein eher unbedeutender Emissionsmarkt, so
rangierte das Land 1872 mit 1.3 Milliarden Francs nach Großbritannien
(1.44 Mrd. Frs) auf dem zweiten Platz - noch vor der USA (1.14 Mrd.
Frs).
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