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Das Kanalbaufieber in England (1793)
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Gleichzeitig wurde Europa in jener Zeit von großen politischen Veränderungen getroffen. 1789 brach in Frankreich die Revolution aus. Viele französische Adlige versuchten daraufhin ihr Geld nach England zu schaffen und investierten dort in die unzähligen Kanalbaufirmen. Dieser starke Münzgeldstrom von Paris nach London heizte das Kanalfieber trotz des konjunkturellen Rückgangs noch weiter an. Zwischen 1791 und 1795 autorisierte das britische Parlament 51 neue Kanalvorhaben, davon allein 25 im Jahr 1793. Über 4.000 Meilen sollte das britische Wasserstrassensystem letztendlich aufweisen, um alle industriellen Zentren Englands miteinander verbinden zu können. Obwohl bereits erste schlechte Meldungen bekannt wurden, kletterten die Aktienkurse in den Himmel. So stieg die Aktie der Birmingham Navigation innerhalb weniger Monate von 140 Pfund auf 1.150 Pfund.

Der Höhepunkt der "canal mania" wurde Anfang 1793 erreicht, bevor die politische Entwicklung in Frankreich der Euphorie ein jähes Ende setzte. Am 21. Januar 1793 wurde der französische König Ludwig XVI. in Paris öffentlich auf der Guillotine hingerichtet. Am 01. Februar 1793 erklärte Frankreich England und Holland, die den französischen König unterstützt hatten, den Krieg. Als Reaktion traten England und Holland sowie eine Reihe weiterer Staaten einem Bündnis gegen Frankreich bei.. Die Kriegserklärung führte wenig später zu einer rasch steigenden Inflation aufgrund der hohen Rüstungsausgaben der britischen Regierung. Dadurch stiegen auch die Kosten für die Kanalbauer stark an. Viele Investoren konnten oder wollten aufgrund der kritischen politischen und wirtschaftlichen Lage nicht noch mehr Geld in die riskanten Projekte stecken. Die laufenden Arbeiten an den meisten Kanalbauvorhaben wurde zeitweise eingestellt oder noch vor Fertigstellung ganz aufgegeben - wie z.B.. der Dorset-Kanal oder der Somerset-Kanal. Projekte und Pläne für weitere Kanäle verschwanden ebenso schnell wie sie entstanden waren wieder in der Schublade.

Zwar war England mittlerweile durch ein flächendeckendes Netz an Wasserstrassen miteinander verbunden, doch zeigten sich nun immer deutlicher die Mängel dieses Systems. Der Großteil der vorhandenen Kanäle war durch private Investoren errichtet worden. Meistens verbanden sie eine Farbrik oder ein Bergwerk mit einem der schiffbaren Flüsse. Da die Kanäle jedoch in der Regel als Einzelvorhaben ohne Koordination durch eine höhere Stelle errichtet wurden, unterschieden sich die meisten hinsichtlich ihrer Standards und Ausführung, so dass ein Kaufmann, der eine Ladung von einem Punkt Englands zu einem anderen verschiffen wollte, nicht erwarten konnte, die Strecke in einem Boot zurückzulegen. Ein aufwendiges und teueres Umladen war oft die einzige Alternative. Um Geld beim Bau zu sparen waren die meisten Wasserwege außerdem nur gerade so breit wie für die damaligen Lastkähne mit 2,15 m Breite erforderlich. Mittel für die notwendige Verbreiterung oder Verbesserung der Linienführung flossen nur sehr schleppend. Auch wurde teilweise die gleiche Strecke parallel von mehreren Kanälen bedient. So verbanden beispielsweise gleich drei Kanäle die Ortschaft Lancashire im Norden Englands mit den Häfen in Yorkshire. Neben dem als ersten entstandenen Huddersfield Narrow Canal gab es noch den Leeds and Liverpool sowie den Rochdale Kanal.

1795 wurde die Bank of England zur Finanzierung der Kriegsausgaben immer mehr durch die Regierung in Anspruch genommen. Die übermäßige Ausfuhr von Barren und Münzen zum Kontinent, um Bedürfnisse des Heeres und der Flotte zu finanzieren sowie zahlreiche Anleihen an Verbündete führten dazu, dass die Lage der Bank of England kritisch wurde. Im Februar 1797 musste die Zahlungsverkehr der Bank eingestellt werden. Dies löste wiederrum eine große Konkurswelle aus, der auch viele projektierte Kanalvorhaben zum Opfer fielen. Zusätzlich sorgte die Beruhigung der politischen Lage in Frankreich ab 1797 für einen Abzug der ausländischen Geldmittel, die in der unsicheren Zeit nach der Revolution nach Großbritannien geflossen waren. Nur noch wenige Unternehmen schafften es in der Folgezeit genügend Geldmittel bis zur Fertigstellung der Kanäle aufzubringen.

Ende des 18. Jahrhunderts war der Boom endgültig vorbei. Bis 1815 waren die meisten britischen Kanäle fertiggestellt worden. Im Jahr 1820 verfügte Großbritannien über ein Kanalsystem mit einer Gesamtlänge von 2.200 Meilen. Zumindest zum Beginn der Manie hatten die meisten fertiggestellten Kanäle auch hohe Profite eingebracht. Einige schafften es sogar über Jahrzehnte eine positive Bilanz zu erzielen, aber viele andere verdienten für die Aktionäre nie einen Penny.

So schnell der Boom gewachsen war, so schnell geriet er wieder in Vergessenheit. Am 22. Februar 1804 stellte der englische Ingenieur Richard Trevithik seine neue Erfindung vor. Auf einem Rundkurs beförderte eine auf Schienen laufende Dampfmaschine, die auf den Namen "Invicta" (lateinisch: Unbesiegbar) getauft worden war, Waggons mit 10 Tonnen Gesamtgewicht und 70 Personen mit 8 km/h. In leerem Zustand erreichte die Lokomotive immerhin 20 km/h. Auch wenn Trevithik damals von vielen belächelt wurde, war der Siegeszug der Eisenbahn und das Ende des Kanalsystems damit eingeläutet.

Image30.07.2001 09:35
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