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Das Kanalbaufieber in England (1793) |
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Seite 1 von 2 Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts begann in
England die Industrielle Revolution. Ausgelöst wurde die
Industrialisierung durch mehrere bahnbrechende Erfindungen - eine der
Wichtigsten war James Watts Dampfmaschine (Patent 1769) - sowie die
Revolutionierung des Verkehrswesens. Dabei stand am Anfang nicht die
Eisenbahn, sondern der Kanalbau im Vordergrund.
Die Geschichte
des Kanalbaus ist indes weitaus älter. Bereits die Römer legten ein
Netz von schiffbaren Flüssen und Kanälen in Italien, Frankreich,
England und Holland an. Doch mit dem Niedergang des Römischen Reichs
ging das Wissen über die Kanalbaukunst zum Großteil verloren. Erst im
12. Jahrhundert wurde der Ausbau der Flüsse und der Bau von Kanälen
wieder in größerem Umfang in Angriff genommen. Vorreiter waren damals
vor allem die durch die geographische Beschaffenheit des Landes
begünstigten Regionen in Oberitalien und den Niederlanden. Hier
entstand 1373 auch die erste Kammerschleuse. Die Technik des Wasserbaus
wurde in der Folgezeit kontinuierlich weiterentwickelt. Einen
vorläufigen Höhepunkt erreichte die Kanalbaukunst mit dem zwischen 1666
und 1681 in Frankreich entstandenen Canal du Midi, einem 240 km langen
Verbindungskanal zwischen Mittelmeer und Atlantik mit Tunneln,
Aquädukten, Schleusentreppen und aufwendige Bauten zur Sicherstellung
der Wasserversorgung.
In England bestand aufgrund des
schwierigeren Terrains zunächst wenig Bedarf für künstliche
Wasserstraßen - lediglich einige Flüsse waren bis zur Mitte des 18.
Jahrhunderts schiffbar gemacht worden. Gab es 1660 lediglich 685 Meilen
schiffbare Flußkilometer, so kamen bis 1724 immerhin 475 Meilen auf
insgesamt 1.160 Meilen u.a. durch den Ausbau der Flüsse Aire &
Calder, Douglas, Irwell oder Kennet hinzu. Doch dieser Zuwachs ist
nichts im Vergleich zu den Wachstumsraten in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts.
Die aufkeimende Industrialisierung führte zu einem
steigenden Bedarf an Rohstoffen. Auch die nun größeren Mengen an
Fertigprodukten mussten wirtschaftlicher befördert werden. Dabei boten
sich neben dem Ausbau des Straßennetzes die Flüsse und Kanäle besonders
an. Ein Pferd, das an Land eine Tonne schleppte, konnte ein Boot mit
bis zu 30 Tonnen bewegen. Die Wasserstraßen ermöglichten damit den
Mengentransport zu niedrigeren Preisen und den Handel der Produkte über
weite Strecken.
Den ersten Kanal der industriellen Ära in
Großbritannien eröffnete im Jahr 1757 die Sankey Brook Navigation, die
später in St Helen's Canal umfirmiert wurde. Viel bekannter wurde aber
ein anderer Kanalbetreiber. Im Jahr 1759 entschloss sich Francis
Egerton, der dritte Duke of Bridgewater, einen kurzen Kanal von seinen
Kohleminen in Worsley zum Fluß Irwell zu bauen, um so an die
befahrbaren Flussläufe angeschlossen zu werden. Egerton war gerade von
einer großen Europareise zurückgekehrt und hatte u.a. auch den Canal Du
Midi in Frankreich besucht. Egerton erkannte damit frühzeitig die
Chance der Kanäle, denn mit einer Wasserverbindung zu seinem Bergwerk
konnte er seine Kohle in großen Mengen direkt bis nach Manchester
befördern, ohne die mühsehlige Beförderung über die Strasse in Kauf
nehmen oder der bislang am Fluss tätigen Irwell Navigation Gebühren
zahlen zu müssen. Nach nur zwei Jahren Bauzeit wurde der Bridgewater
Canal eröffnet, mit dem die "canal mania" in Großbritannien begann.
Egertons
Planungen gingen auf und innerhalb kurzer Zeit wurde er ein reicher und
angesehener Mann. In den Jahren 1767-1772 verband er den
Bridgewater-Kanal noch mit dem Fluß Mersey bei Runcorn und konnte damit
seine Kohle bis nach Liverpool transportieren. Zusätzlich stieg Egerton
auch ins Transportgeschäft ein und beförderte Waren und Rohstoffe
anderer Anbieter kostenpflichtig über seine Kanäle. Natürlich blieb
dieser Erfolg nicht ohne Nachahmer. Zunächst eher schleppend - wohl
aufgrund der doch relativ hohen Baukosten - folgten einige Fabriken und
Bergminenbesitzer Egertons Beispiel und investierten in den Kanalbau.
Aber auch diese Kanäle fuhren nach der Vollendung schnell hohe Renditen
ein und brachten damit den Stein endgültig ins Rollen.
Im
Gegensatz zu anderen europäischen Ländern behinderten in Großbritannien
keine Handelsrestriktionen oder eine Vielzahl von kleinen Staaten - wie
in Deutschland - den Bau der Kanäle. Auch war die Sozialstruktur in
England weniger stark ausgeprägt als in anderen europäischen Ländern.
Jeder Brite - egal ob Arbeiter oder Adliger - konnte, wenn er die
nötigen Mittel aufbrachte, eine Konzession bei der Regierung
beantragen. Nach den Anfangserfolgen wuchs die Anzahl der Kanäle
deswegen rapide an. Aus einer lokal begrenzten Wirtschaft wurde immer
mehr eine regional oder sogar landesweit operierende Gesellschaft. Die
Flüsse Mersey, Trent, Severn und die Themse wurden erschlossen und
durch Kanäle verbunden. Ganze Landstriche wie Staffordshire Potteries
und die Ländereien in Zentralengland entwickelten sich aufgrund ihrer
Kanäle zu wohlhabenden Regionen. Es gab praktisch nichts, was nicht mit
den Last-Kähnen transportiert wurde - egal ob Kohle, Bauholz, Roheisen,
Korn oder Porzellanwaren.
Viele Kanalbetreiber waren aufgrund
der hohen Baukosten als Aktiengesellschaft gegründet worden. Durch die
hohen Gewinne, zogen die Kurse immer weiter an. Viel extremer war die
Situation allerdings auf der Neuemissionsseite. Zwar überstiegen die
Baukosten in der Regel selbst die optimistischsten Schätzungen, doch
das Geld lag damals auf der Strasse. Jeder wollte an dem Kanalbau
profitieren und investierte begeistert jeden verfügbaren Penny. Die
meisten Kanalbauvorhaben waren stark überzeichnet. Mitunter wurden
Sitzungen im Geheimen abgehalten oder falsche Tatsachen veröffentlicht,
nur um eine höhere Anzahl Aktien zu bekommen. So manch ein
interessierter Anleger übernachtete sogar auf der Strasse, nur um am
nächsten Tag als einer der Ersten die begehrten Aktien zeichnen zu
können.
Ab Anfang der 1790er Jahre schwoll das Kanalbaufieber zu
einer wahren Manie an. Die Anzahl der Kanäle stieg rapide und immer
mehr Unternehmer wollten an das bereits bestehende Kanalnetz
angeschlossen werden. Doch schon zogen die ersten dunklen Wolken auf.
Der sich sprungartig entfaltende Handel erforderte immer höhere
Investitionen und damit Krediterleichterungen auf breiter Basis. Die
Monopolstellung der Bank of England verhinderte jedoch eine
Notenzirkulation in der Provinz. Dadurch bildeten sich eine Reihe von
Country Banken, die jedoch nicht mehr als 6 Gesellschafter haben
durften. Obwohl sich die Bank of England weigerte Noten dieser Banken
anzunehmen oder umzutauschen, dehnten die Country Banken im
konjunkturellen Aufschwung - aufgrund Industriereform und
Kanalbaufieber - ihre Notenausgaben übermäßig aus. Eine reiche Ernte im
Jahr 1791 ließ die Getreidepreise um 26% fallen und verursachte
vermehrt Einkommenseinbussen. Ein Jahr später ließ schließlich auch die
Konjunktur nach.
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